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Alain-Fournier, Henri Meaulnes
Alain-Fournier, Henri: Der große Meaulnes
[Le grand Meaulnes], 1913. Cornelia Hasting, Otfried Schulze, Übs. München: DTV, 2001. dtv 12899. 256 Seiten. Mit einem Nachwort von Vincenzo Orlando
Ich überlege noch, was ich mit Der große Meaulnes gelesen habe: einen Internatsroman, einen Bildungsroman, eine Lebensfindung, eine Romanze, ein Liebesroman? Alles dies ist er.
Francois Seurel ist Schüler in der Internatsschule seiner Eltern auf dem Lande (Frankreich, Sologne). Eines Tages kommt Augustin Meaulnes zu ihnen, mit siebzehn Jahren schon etwas älter als die anderen. Es bilden sich Gruppierungen für und gegen ihn. Meaulnes unternimmt eine Kutschenfahrt und kommt erst nach drei Tagen wieder. Später erzählt er dem Ich-Erzähler Francois, was in diesen drei Tagen Sonderbares geschehen ist. Er geriet auf märchenhafte Weise in ein Landgut, auf dem ein fantastisches Fest gefeiert wurde. Eine Hochzeit stand bevor, die dann platzte. Die Schilderung des seltsamen Festes war für mich der Glanzpunkt des Romans. Lange Zeit wußte ich nicht, ist das eine unwirkliche romantische Träumerei, eine Halluzination des jungen Meaulnes? Die Gäste vexieren zwischen Traum und Realität (wie in Edgar Allan Poe Edgar Allan Poe: "The Masque of the Red Death"). Zum Beispiel die zwei Kinder, die Meaulnes führen:
Aber es war leicht zu erkennen, daß sie niemals weiter gesegelt waren als bis an die Grenze ihres Landstrichs; und wenn sie mehr als tausendmal unter Regengüssen und vor dem Wind dahingestampft, herumgeschlingert waren, dann war es auf jener mühseligen, aber ungefährlichen Reise, die darin besteht, die Furche zu ziehen bis zum Ende des Ackers und dann den Pflug zu wenden... (S. 65)
Ja, dann platzt die geplante Hochzeit des Junkers Frantz de Galais. Er gibt es so bekannt: "Nun ja, also: Es ist vorbei; das Fest ist zu Ende. Sie können hinutergehen und es ihnen sagen" (S. 80). Da hörte ich Johnnie Ray: "Call up the baker, cancel the cake. There'll be no wedding today." (Johnnie Ray 99 ways to tell someone good-bye). Meaulnes kehrt also völlig verstört zurück. Zusammen mit Francois und anderen versuchen sie dem Traum nachzulaufen. Sie zeichnen sich Landkarten, verfolgen Leute. Über dem gesamten Text schwebt ein wehmütiger Blick zurück. Der Leser erfährt meist nur im Nachhinein, was geschehen war. "Ach! Bruder, Freund, Reisender, wie waren wir davon überzeugt, alle beide, das Glück sei nah, und es genüge, sich auf den Weg zu machen, und es wäre erreicht ..." (S. 116). "ich suche etwas noch viel geheimnisvolleres. Es ist die Passage, von der in den Büchern erzählt wird, der alte versperrte Weg, der Eingang, den der todmüde Prinz nicht finden konnte ..." (S. 130). Man hat Träume, sucht das Leben und merkt nicht, dass es gewesen.
Ein stilles, andeutungsreiches Buch, das man öfter lesen kann. Es gehört noch zur Romantik aber auch ins 21. Jahrhundert.
Henri Alain-Fournier, eigentlich Henri-Alban Fournier; 3. Oktober 1886 La Chapelle-d'Angillon – 22. September 1914 Éparges. Von Juli bis November 1913 erscheint Le grand Meaulnes in fünf Teilen in der Zeitschrift La Nouvelle Revue Française; im Herbst folgt das Buch.
Alain-Fournier, HenriAlain-Fournier, Henri
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Henri Alain-Fournier  Alain-Fournier, Henri MeaulnesHenri Alain-Fournier. Der große Meaulnes. München: DTV, 2001. Broschiert, 256 Seiten.
Mit dem Titelbild von Halfdan Egedius: "Le reveur", "Der Träumer" von 1895 (Ausschnitt; Halfdan Egedius volles Bild)
Henri Alain-Fournier
Henri Alain-Fournier. Der große Meaulnes. Zürich: Diogenes, 2003. Broschiert, 320 Seiten.Alain-Fournier, Henri Meaulnes
Halfdan Egedius  Halfdan Egedius: 5. Mai 1877 Drammen – 2.Febr. 1899 Kristiania (jetzt Oslo)
"Le reveur", "Der Träumer" von 1895

Alain-Fournier, Henri Meaulnes
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.7.2003