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Gustave Flaubert: Madame Bovary
Gustave Flaubert: Madame Bovary
Frankfurt am Main, 1986. Revidierte Übersetzung von 1919 von Arthur Schurig. 459 Seiten
bovary Themen und ihr moderner Bezugbovary Zensurbovary Linksbovary Literaturbovary Zitate
Obwohl man die Handlung des Weltklasseromans Madame Bovary in ihren Grundzügen zu kennen glaubt (ich sah zudem kurz vor der Lektüre einen gut gemachten TV-Zweiteiler), ist die Lektüre ein reiches Vergnügen.
Madame Bovary wird als früher realistischer Roman bezeichnet, in dem Flaubert mit unbestechlicher Sachlichkeit die sentimentale Empfindungswelt des Bürgertums seziert (KLL, S. 5878). Andrerseits ist Emma Rouault, spätere Madame Bovary, zutiefst romantisch.
Sie lebt in einer Welt der Sehnsucht. Durch die Einladung eines Marquis zum festlichen Diner und Ball lernt sie eine vermeintlich schönere, erstrebenswerte Welt kennen. Flaubert beobachtet genau. Die Lider ihrer großen, unschuldigen Augen schlossen sich zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahmslos und traumverloren aus" (S. 36). Ihre Trauung mit dem Gesundheitsbeamten Karl Bovary will sie nachts um zwölf bei Fackelschein festsetzen (S. 40). Mit ihrem Liebhaber Rudolf tauscht sie Miniaturbildnisse (S. 230). Sie bittet ihn: "Wenn es Mitternacht schlägt, ... mußt du an mIch meinen!" (S. 257).
Verstärkt werden ihre romantischen Sehnsüchte durch die Langweile die sie empfindet ("Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette mich!") und ihre Lektüre rührseliger Romane; darunter auch Walter Scott (bovary Der Fliegende Holländer) und Paul et Virginie von Bernardin de Saint-Pierre aus dem Jahre 1788 (S. 54). Hat Emma Bovary auch Joseph Eischendorff gelesen?
»Haben Sie nicht auch die Empfindung«, fuhr Frau Bovary fort, » daß die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt, die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben, in die Sphäre der Ideen, der Ideale?« (S. 117)
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
bovary Joseph Freiherr von Eichendorff: "Mondnacht"
Dies erinnerte mich sehr an Ihre Fantasie wird beflügelt, sie baut Luftschlösser und erkennt nicht, dass die fiktive Welt der Literatur und die Wirklichkeit verschieden sind und bleiben.
Typisch für Bewohner einer Scheinwelt: Hysterie, Flucht in ... Bei Emma Bovary sind es Liebensromanzen und Kaufrausch, der schließlich die Bovarys in den Ruin treibt.
In meiner Insel-Ausgabe fehlt der Untertitel "Ein Sittenbild aus der Provinz". In einer Besprechung las ich Kapitelüberschriften, die bei Insel ebenso fehlen, oft aber nachträglich in ein Werk gelangen.
Jedenfalls besticht der Roman durch eine klug durchdachte Charakterisierung der Figuren. Alle Figuren sind dem Leser plastisch vor Augen. Man zittert mit Emma, fürchtet mit Leo, bedauert Karl; und dazwischen die köstliche Figur des aufgeklärten Apothekers Homais.
Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über aromatische Zutaten, Fleischextrakte, Saucen und Säfte zu sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbene Weine wieder verwendbar zu machen. (S. 138)
Karl fällt dem Leser schon als Student als wenig verständig auf. Später bringt er es zwar zu einer ansehnlichen Arztpraxis, doch ist er zu bieder, zu wenig spontan für Emmas Bedürfnisse.
Umso mehr büffelte er. Er schrieb fleißig nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom, ohne zu wissen, was für ein Geschäft er eigentlich verrichtet. (S. 18)
»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt.
»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!« Und er ging nicht zu ihr. (S. 381)
Flaubert gelingt es auch die Elite der Kleinstadt Yonville prägnant zu beschreiben.
Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen, steifen Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte mehr als das Leder ihrer derben Stiefel. (S. 192)
Petschaft: Siegel, bestehend aus einem Stiel und einer Platte aus Metall oder Stein.
Karneol: Mineral, gelbliche bis blutrote Varietät des Chalcedon; Schmuckstein
(c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999
Ein stilistischer und dramaturgischer Höhepunkt ist das raffinierte Liebeswerben Rudolfs um Emma (S. 181 ff). Während im Ort die Jahresversammlung der Landwirte abläuft, verlockt er sie in den Sitzungssaal des Rathauses. Von der Festwiese schallen die offiziellen Phrasen der Festredner zu dem verliebten Paar; Rudolf zirkelt seine Liebeswerbephrasen und das alles im Rathaussaal, üblicherweise ein Phrasendreschraum.
bovary Anfang
Themen und ihr moderner Bezug
Wer mit Madame Bovary nur eine Liebesgeschichte üblicher Machart verbindet, möge den Roman lesen. Sie/er findet reichlich moderne Thematik. Die Charakterisierung der Schwärmerin Emma, die sich vielen Männern anbiedert (im Rahmen ihrer Zeit und darüber hinausgehend), kam schon zur Sprache. So diskutieren wäre, wieweit sie von der Lektüre rührseliger Romane in eine Scheinwelt und einen Kaufrausch getrieben wird und den Bezug zur Realität verliert. Wie wirken Medien auf (dafür anfällige) Menschen? Kann und soll dies gesellschaftlich beeinflusst werden?
Langweile —> Kaufrausch —> Verschuldung scheint recht aktuell zu sein
Der Aufklärer und Halbwissende Homais findet in Karl einen willigen Halbwissenschaftler zur Umsetzungen seiner fortschrittlichen Gedanken. Durch unbedarften Erfolgsglauben wird ein Außenseiter der Unterschicht zum Opfer.
Gruppentrennung und Elitisierung verbunden mit einer Vereinheitlichung der Kleidung und der Meinung schildert Flaubert an zahlreichen Fällen. Er selbst erlebte dies im späteren Zensurprozeß.
Grabinschriften für Emma Bovary, ausgewählt von Karl Bovary (S. 455)
Sta viator! Halt ein Wanderer!
amabilem coniugem calcas! Du trittst/stehst vor einer liebenswerten Ehefrau.
Wer die Rezension bis hierher las, kann sich das Urteil denken. Ich schreibe es für den Querleser dieser Seiten trotzdem hin: unbedingt lesen; gehört zur Grundausstattung des Menschen.
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Anklage durch die staatliche Zensurbehörde
Das Manuskript war 1856 fertig. Flaubert hatte fünf Jahre daran gefeilt. Madame Bovary wurde in der Zeitschrift Revue de Paris ab 1. Oktober 1856 und in Buchform 1857 veröffentlicht. In der Zeitschrift Novelliste de Rouen begann ein Zweitdruck. Da wurde Flaubert wegen "Verstoß gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion" (KLL S. 5879) angeklagt. Der Zweitdruck wurde eingestellt. Am 7. Februar 1857 wurde Flaubert freigesprochen (Jean de la Varende: Gustave Flaubert, Reinbek 1958, S. 162).
 zensur Auszugsweise Ehrentafel zensierter Autoren und Werke
Porträt einer Frau: bovary Vergleichsliteratur
Woody Allen: Intermezzo mit Kugelmaß
Beim Test einer Zeitmaschine läßt sich Prof. Kugelmaß, Altphilologe aus New York, zu Madame Bovary zurückversetzen. Er erlebt mit ihr das große Abenteuer. Die Story wäre nicht von Woody Allen wenn sie nicht zu Komplikationen führen würde.
Hörspiel, SWF 1983; Regie Marchfelder – FlaubertDLF
Links
BachleitnerBachleitner, Norbert „Übersetzung und Zensur (Scott, Flaubert)” (pdf). Aus BachleitnerNorbert Bachleitner: Geschichte der literarischen Übersetzung.
flaubert Gustave Flaubert: Drei Geschichten: Ein schlichtes Herz. Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien. Herodias
flaubert Jean de La Varende: Gustave Flaubert: In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1958. Taschenbuch, 171 Seiten. Hans Magnus Enzensberger, Übs.
Literatur
Lämmert, Eberhard: "Gustave Flaubert. Madame Bovary". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Frankfurt 1980. S. 255-259; flaubert Übersicht
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Bovary Gustave FlaubertGustave Flaubert: Madame Bovary. Zürich: Manesse, 1999. Gebunden, 588 Seiten Bovary
Gustave Flaubert: Madame Bovary. Ditzingen: Reclam, 1996. Gebunden, 453 SeitenGustave Flaubert
bovary bovary Gerd Lamsfuß-Buschmann: Französisch Training. Interpretationshilfen 2 für die Oberstufe. Freising: Stark, 1998. – Musterinterpretationen zu ausgewählten Werken namhafter Autoren aus unterschiedlichen Epochen, darunter Flaubert: Madame Bovary.  
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.8.2012