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Andre Gide
André Gide: Kongoreise
[Voyage au Congo]. Stuttgart: DVA 1966. Gertrud Müller, Übs. 180 Seiten – gide Zitate
André Gide trat am 1. Juli 1925, also mit 55 Jahren, eine ausgiebige Reise durch den Kongo und Tschad an. 1927 erschien Voyage au Congo und 1928 die Fortsetzung Le Retour du Tschad. Beide Werke erregten in Frankreich große Aufmerksamkeit und entfachten eine Debatte über die Kolonien. Die Kongoreise widmete Gide dem Andenken Joseph Conrads. Sie ist in Form eines Reisetagebuchs geschrieben.
Wie sehr Gide das Reisen im Blut lag, zeigt seine Antwort.
Was wollen Sie eigentlich dort unten?"
"Das wird sich herausstellen, wenn ich erst dort bin." (S. 15)
Im Gegensatz zu Conrad spricht Gide die Fragen, die sich ihm bei der Behandlung der Einheimischen (nicht nur durch die Kolonialherren, auch durch die schwarze Bevölkerung selbst) stellen, offen aus. Er urteilt ausgewogen und nicht nach Gerüchten oder Vorurteilen: "Ich möchte nur für bare Münze nehmen, was ich selbst sehen oder genügend nachprüfen kann" (S. 27).
In Kinshassa schifft er mit der "Brabant" zunächst den Kongo bis Oubangi aufwärts. Die Schiffe werden gelegentlich gegen kleinere gewechselt. er schiebt eine 14-tägige Autotour und auch Fußwanderungen ein. Überall sieht er Mißstände. Mir scheint, sie beschäftigen ihn, weil er zunächst vom französischen Kolonialstil eine zu heile Vorstellung hatte.
Auch fehlt es überall an Medikamenten; überall herrscht eine bedrückendeArmut, die die Verbreitung und Überhandnahme der Krankheiten begünstigt, selbst solcher Krankheiten, deren man mit Leichtigkeit Herr werden könnte. (S. 41-42)
Gide nimmt er die Afrikaner wohl in Schutz.
Die Schwarzen werden als indolent, faul, bedürfnis- und wunschlos geschildert. Aber ich will gerne glauben, daß sich dieser Zustand der Apathie nur zu leicht erklären läßt durch die Erniedrigung und das tiefe Elend, in dem diese Leute leben. Und wie kann jemand Wünsche haben, der nie etwas Wünschenswertes zu sehen bekommt." (S. 461)
Einerseits schildert Gide grausamste Massaker der Weißen an Eingeborenen (S. 66) und Ausbeutung (S. 67 ff), vor allem in den Kautschukpflanzungen, und Kinderverschleppung (S. 135). Andrerseits wird er nicht müde die Schönheit und Freundlichkeit der Schwarzen zu rühmen. Beispiel: "Ihrer hundert zum mindesten sind sie in der Nacht zu unserem Empfang herbeigelaufen, mit kannibalischen Freudenbezeichnungen, und haben sich so um uns gedrängt, daß wir fast erstickt sind" (S. 119).
Insgesamt ist das Reisetagebuch aufschlußreich für denjenigen, der einen ungeschminkten Bericht über die Zustände in den (französischen) Afrikakolonien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwartet.
Reiselektüre
Bemerkenswert: trotz der Reisestrapazen liest Gide emsig und berichtet im Tagebuch darüber.
Jean de LaFontaine: Fabeln (die lobt Gide besonders)
Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften – Faust II (beides deutsch!)
William Shakespeare: Romeo and Juliet
Robert Louis Stevenson: Master of Ballantrae
Zitat S. 170:
"Sicherlich, es muß das Beste
Irgendwo zu finden sein."
aus Faust II, 1. Akt
Hoffnung:
Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
Habt ihr euch schon heut' und gestern
In Vermummungen gefallen,
Weiß ich doch gewiß von allen:
Morgen wollt ihr euch enthüllen.
Und wenn wir bei Fackelscheine
Uns nicht sonderlich behagen,
Werden wir in heitern Tagen
Ganz nach unserm eignen Willen
Bald gesellig, bald alleine
Frei durch schöne Fluren wandeln,
Nach Belieben ruhn und handeln
Und in sorgenfreiem Leben
Nie entbehren, stets erstreben;
Überall willkommne Gäste,
Treten wir getrost hinein:
Sicherlich, es muß das Beste
Irgendwo zu finden sein.
Andre Gide Andre GideAndré Gide. Reisen und Politik. Gesammelte Werke, Bd.5. Stuttgart: DVA, 1992. Gebunden, 545 Seiten.
Enthält: Afrika: Kongoreise / Rückkehr aus dem Tschad / Kürzere Reisetexte.

Andre Gide
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.9.2003