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John Grisham The Testament
Verwandtes zu Joseph Conrads Heart of Darkness [Herz der Finsternis]
John Grisham. The Testament
[Das Testament] London: Arrow, 1999. Taschenbuch, 473 Seiten – Autor GrishamRezensionen
Auf den Spuren Joseph Conrads Heart of Darkness wurde ich auf diesen Grisham hingewiesen. [*] Ohne Gewissensbisse (von wegen Trivialautor) freute ich mich auf einen spannenden Schmöker (englischer Klappentext: "blockbuster", "page-turner"). Nach der Lektüre bin ich zufrieden: Grisham lese ich so bald keinen mehr.
The Testament startet fulminant mit dem ausgeklügelten Selbstmord und Testament des 78-jährigen US-Milliardärs Troy Phelan. Da ich Handlungen auf Glaubwürdigkeit hinterfrage, war mir nicht klar, warum Phelan schon länger einen Hirntumor vorgetäuscht hatte. Ist doch wohl keine Bedingung für einen Selbstmord!? Nun, ich kenne mich nicht in der Welt der Millionäre aus, schon garnicht bei den Multi-Milliardären und die US-Amerikaner sind ein Völkchen für sich. So scheint mir bei denen schon verständlich, daß jemand Schulden macht um einen BMW vor die Türe stellen zu können. Warum Troy jr. aber sein ungeliebtes Sofa kickt, nur weil es nicht vom Designer ist (S. 38), blieb mir ein Rätsel. Ich nahm John Grisham einiges ab, was ich nicht beurteilen kann. Trotzdem scheint mir das Gehabe Troys und seines ganzen Erbenclans seltsam. Doch davon mehr später.
Das Testament, mit dem er seiner Sippschaft nur die Schulden bezahlen, aber sonst nichts hinterlassen will, ist klug ausgedacht. Troy wollte jegliche Anfechtung ausschliessen, was ihm aber nur teilweise gelingt. John Grisham ist für seine Romane im Anwaltsmilieu berühmt (wie mir bei der Lektüre der Rezensionen bei amazon bewußt wurde).
Ein Clou des Testaments ist, daß Milliardär Phelan fast alles seiner unbekannten Tochter Rachel hinterläßt. Eigentlich hätte er sich anhand seiner Brut ausrechnen müssen, daß auch diese unwürdig ist. Doch der Autor will es anders. Rachel ist Missionarin im Pantanal, eine sumpfige Gegend in Brasilien nahe der Grenze zu Bolivien. Sie arbeitet im Dienste der World Tribes Missions, Houston, Texas. Dieser Missionsverein ist ein (riesiger?) Konzern. Er beackert 28 Indianerstämme in Brasilien, mindestens 10 in Bolivien und weitere 300 im Rest der Welt (S. 47) mit 4000 Missionaren (S. 50). Der Anwalt Josh Stafford verstreut zunächst die Asche des Milliardärs auf seiner Ranch nahe Jackson Hole, Wyoming, dann sucht er den Missionsverein in Texas auf. Dort zeigt man sich merkwürdig und völlig grundlos verschlossen. Die World Tribes Missions sind auf Spenden angewiesen, sollten daher auskunftsfreudig sein. So erzeugt man künstlich Spannung für die schwierige Suche nach Rachel. Ebenso unglaubwürdig ist es, daß ein Rechtsanwalt die Erbin suchen muß. Dies wird zwar mehrfach behauptet, doch weder auf S. 52 noch S. 65 ausreichend begründet. Wenn man auf Nate O'Rileys – er ist der ausersehene Suchanwalt – schmalen Erfolg vorausblickt, wird diese Forderung noch unverständlicher. Dieser Ex-Alkoholiker kommt gerade aus der vierten Entziehungskur und hat im fernen Brasilien prompt einen Rückfall. Insgesamt hat Grisham jedoch den Anwalt O'Riley in der ersten Hälfte des Romans am glaubwürdigsten gestaltet (siehe Charakterzeichnung).
Ohne Schmarrn, kurz bevor Nate die Erbin im Dschungel findet, tönte von meinem CD Spieler Tex Beneke und das Glenn Miller Orchester mit "I Haven't Time to Be a Millionaire" herüber. Unmittelbar dann meint Rachel zu Nate "I'm not signing anything" (S. 249). Ihr Ablehnungsgrund (es sei nicht ihr Geld) ist mehr als windig, zumal sie selbst um Geldzuteilung vom Hauptverein bangt. Ein Indianerkind stirbt wegen fehlender Medikamente. Doch Nates Vorschlag, das Geld für Wohltätigkeit zu spenden, wird ebenfalls abgelehnt. Nate vergißt zu fragen, ob er selbst den Zaster haben kann. Doch der Autor hat mit Nate noch große Wandlungen vor, da darf er nicht geldgierig sein (trotz der Steuerbehörde im Nacken, trotz wackligen Berufsaussichten).
Durch Rachels geistige Handauflegung wandelt sich Alkie Nate O'Riley in einen Abstinenzler und sorgsamen Familienvater. Was jahrelange Entziehungsbemühungen nicht zustande brachten, wenige fromme Worte im Dschungel genügen. Das ist rührend aber unglaubwürdig, schmalzig und überzogen. Nate bedauert sogar die armen geldgierigen Erben. "...Nate was ashamed. He had pity for the Phelan children. He felt sorry for Snead, a sad little man just trying to survive. He wished he hadn't attacked the new experts with such vigor" (S. 427).
Das US-amerikanische Lesepublikum mag das hinnehmen, doch für Europäer ist es zu dick aufgetragen. Die US-Kultur schlägt zu oft durch. Typisch dafür ist Nates Heimkehr. "Alone, in his own fine car, he began to feel like an American again. ... And he thought of Welly, a kid so poor his family owned no car" (S. 347). Nichts zum Essen, keine Bildung, mangelnde medizinische Versorgung im Pantanal, doch Nate bedauert das fehlende Auto! – Oder das Bedauern des Autors über die Phelan-Sippschaft. "Life has been hard for the Phelan children" (S. 451). Wenn man den superreichen Vater hat und zur Volljährigkeit "nur" 5 Millionen Dollar bekommt,—wahrlich hart!
Trotz einiger Längen – alles ist eingebaut: Sturm, Blitz, Donner, Notlandung, Bootsverlust und Denguefieber – war für mich die erste Hälfte des Testaments spannend, doch dann, als Grisham mehr auf sein eigenes Metier – die Testamentsverhandlungen – kommt, verflacht der Roman. Alles (das gilt jetzt auch für den Anfang ab Kapitel 3) läuft zu glatt. Später wird sogar Josh Stafford den Anwälten der Phelan Sippe eine aussergerichtliche Einigung vorgeschlagen, bei der die Generation, die Troy Phelan Sr. unbedingt leer ausgehen lassen wollte, reichlich bedient würde. Der Testamentsvollstrecker negiert dabei völlig die Intention des Erblassers.
Die Suche im Dschungel nach der weißen, mysteriösen Missionarin ist die Bezugshandlung zu Joseph Conrads Heart of Darkness. Weder plotmäßig noch sprachlich kann Grisham hier Conrad das Wasser des Kongo oder Paraguay reichen.
Die Charakterzeichnung Grishams ist einseitig und überzogen. Multimilliardär Phelan gelingt geschäftlich und bei den Frauen alles, seine Kinder haben davon nichts geerbt. "Senior had an idea for a venture, and two years later the idea was worth millions. Junior's ideas ended in bankruptcy and litigation" (S. 38-39). Im Gegenteil, die nächste Generation ist durchweg fast an der Idiotiegrenze: "his idiot children" (S. 164). Troy Phelan jr. ist zu dumm für irgendeinen Job in The Phelan Group, er wird vom Senior mehrmals gefeuert (S. 38). Warum wird er nicht auf einen einfachen Job versetzt? Warum muß dazu der Senior (der seinen Sprößling nicht leiden kann) eingreifen und überläßt Ein- und Ausstellung nicht irgendeinem Personalheini (The Phelan Group ist dem Vermögen des Bosses nach an 10. Stelle weltweit!)? Anscheinend haben Troys Kinder nur die Gene der Mütter, die geldgierig, geil und dumm sind. Um das Fass zu füllen: die Ehefrauen der Kinder sind ähnlich den Müttern.
Selbstverständlich hat der Großkapitalist keinen Freund, schlimmer, niemand, dem er vertrauen kann.
Ein Letzes: von Wahrscheinlichkeiten hat Grisham wenig Ahnung. Beim ersten Flug im Pantanal mußte Nate notlanden. Beim zweiten Flug mit dem Hubschrauber meint der Autor in einer beliebten Fehleinschätzung, daß Nate nun auf der sicheren Seite sei: zwei Notlandungen in zwei Flügen sind unwahrscheinlich: "Odds were in his favor" (S. 457). Falsch.
Zusammenfassung
The Testament beginnt rasant, ist bis etwa Seite 250 spannend, läßt dann schwer nach, wird beim Rückzug des bekehrten Nate zu einem Pastor und der Suche nach seinen Kindern sogar überschmalzig und langweilig. Für eine schnelle 2-Tageslektüre geeignet, doch wie ich eingangs schrieb: Grisham lese ich so bald keinen mehr.
Denguefieber (Siebentagefieber), durch Stechmücken der Gattung Aedes übertragene tropische Infektionskrankheit. Erreger ist das Denguevirus; Inkubationszeit 5 bis 8 Tage; Kennzeichen: Fieber, Gelenk- und Muskelschmerzen, Hautausschlag. – weiter
* Berühmt ist ein Autor, wenn seine Romane beim Autornamen genannt werden: "ein Karl-May"; allerdings hat er dann auch den verruchten Hauch des Serienautors. Niemand würde sagen: "dieser Goethe" und damit den Werther meinen. Zum Autor Grishamweiter
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John Grisham
* 1955 in Arkansas; wuchs in Southaven, Miss. auf. 1981 erhielt John Grisham die Gerichtszulassung im US-Staat Mississippi und arbeitete 1984-89 als Demokrat in der Mississippi Verwaltung. Sein erster Roman im Anwalts- und Gerichtsmilieu A Time to Kill erhielt gute Kritiken, verkaufte sich aber nicht besonders. Das war beim nächsten Roman The Firm anders. Die Filmrechte erbrachten $ 600.000 und Doubleday bezahlte $ 200.000 für den Druck. 1991 kam The Firm auf die New York Times Bestseller-Liste und blieb dort fast ein Jahr. Grisham wurde selbständiger Schriftsteller und zog mit der Familie auf ein 28 ha Farm in Oxford, Miss. Ab jetzt wurden Grishams Romane durchwegs Erfolge.
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John Grisham The Testament
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.9.2002