Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Albert Camus
Albert Camus: Der Fremde
[L'Étranger]. Reinbek: Rowohlt, 1964. 153 Seiten. Übs. Georg Goyert, Hans Georg Brenner – camus Literatur
In zwei etwa gleichlangen Teile erzählt Albert Camus das letzte Jahr des "Fremden" Meursalt, einem Junggesellen mittleren Alters, der zum Mörder wird.
Im ersten Teil erzählt der Ich-Erzähler Meursalt in einem merkwürdigen Stil die wenigen langweiligen Tage bis zum Mord am Strand. Er erschießt einen Araber.
Im zweiten Teil schildert Meursalt seine Zeit im Gefängnis, das Gerichtsverfahren und seine Verurteilung zum Tode.
Der kurze Roman wird durch drei Tode gegliedert. Es beginnt mit dem Tode der Mutter des Erzählers im Altersheim in Marengo, 40 km von Algier entfernt. In der Mitte des Textes steht das Abknallen des Arabers und am Ende Meursalts eigener Tod. Er wünscht sich im letzten Satz zu seiner Hinrichtung viele Zuschauer, die ihn mit Schreien des Hasses empfangen.
Camus wollte den Roman "Der Gleichgültige" nennen, dies entspricht mehr meinem Eindruck. Meursalt pflegt die Langeweile, kennt nicht einmal das Alter seiner verstorbenen Mutter und antwortet auf die Fragen seiner Freundin Marie (alte Übersetzung: Maria), ob er sie liebt, ob er sie heiratet, extrem gleichgültig:
"Am Abend holte Maria mich ab und fragte mich, ob ich sie heiraten wolle. Ich antwortete ihr, das wäre mir einerlei, aber wir könnten heiraten, wenn sie es wolle. da wollte sie wissen, ob ich sie liebe. Ich antwortete, wie ich schon einmal geantwortet hatte, daß das nicht so wichtig sei, daß ich sie aber zweifellos nicht liebe" (S. 56).
"Ich habe mir Eier gebraten und aß sie ohne Brot aus der Pfanne. Ich hatte keins mehr da und hatte auch keine Lust, hinunterzugehen und welches zu kaufen" (S. 28).
"Bleiben oder gehen – es kam auf dasselbe hinaus" (S. 74).
Meursalt gibt sich selbst fremd,, handelnd wie ein Automat. Er übernimmt auch keine Verantwortung. Für ganz banale Vorkommnisse entschuldigt er sich; sehr oft weist er auf die drückende Hitze und die Sonne hin. Dabei ist der Protagonist keinesfalls gefühlsarm: er ist erstaunt, bestürzt, überrascht ...Und er ist den Lügen abhold, jedoch ohne weiteres bereit zur Brieffälschung und einer falschen Zeugenaussage. In seiner Gleichgültigkeit und Aversion gegen Heucheleien erinnerte mich Meursalt an Holden Caulfield aus Jerome David Salinger: The Catcher in the Rye (Salinger Rezension). So bringt Camus bereits 1942 den coolen Typ in die Literatur, der seine Lebenseinstellung zur radikalen Spitze treibt. In wenigen Jahren folgt der Jazz (Miles Davis: "The Birth of the Cool", 1949), der Film und die Literatur dieser Vorgabe.
An der Teilnahmslosigkeit scheitern die Juristen im Prozeß. Obwohl Meursalt Verantwortung kaum kennt, obwohl sich seine Tagesereignisse nur aneinanderreihen, müssen die Juristen eine Absicht zur Tat finden. Nur mit dem Motiv können sie seine Taten beurteilen. Wann immer Meursalt etwas richtig stellen will, wenn er versucht einzugreifen, weist ihn sein Anwalt zurück: "Schweigen Sie, das ist besser für Sie" (S. 124). Das Verfahren läuft ohne ihn ab, so, als ob er mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun hätte (S. 124).
Dabei ist Meursalt keineswegs unzufrieden mit seinem Leben. Im Gefängnis erkennt er, daß ein einziger Tag Leben zur Erinnerung während hundert Jahren im Knast ausreicht (S. 101); sogar im Knast fehlte ihm die Zeit, sich für das zu interessieren, was ihn nicht interessierte (S. 147). Dem Geistlichen, der ihn im Gefängnis besucht, sagt er dies ganz hart.
"Er wollte wieder von Gott sprechen, aber ich ging auf ihn zu und versuchte, ihm ein letztes Mal klarzumachen, daß ich nur noch wenig Zeit hätte. Die wollte ich nicht mit Gott vertrödeln." S. 150
Gerade im Gespräch mit dem Geistlichen gipfelt die Grundaussage des Autors durch seinen Anti-Helden Meursalt. Beide sind Atheisten. Der Tod hat für Meursalt keine Schrecken, da er, wie die Philosophen sagen, kein Teil des Lebens ist; konsequent ist es für ihn gleichgültig, wielange man lebt. Andrerseist gilt es die Zeit gut zu verleben.
"Er sehe so sicher aus, nicht wahr? Und doch sei keine seiner Gewißheiten ein Frauenhaar wert. Er sei nicht einmal seines Lebens gewiß, denn er lebe wie ein Toter. Es sehe so aus, als stünde ich mit leeren Händen da. Aber ich sei meiner sicher, sei aller Dinge sicher, sicherer als er, sicher meines Lebens und meines Todes, der mich erwarte. Ja, nur das hätte ich. Aber ich besäße wenigstens diese Wahrheit, wie sie mich besäße. Ich hätte recht gehabt, hätte noch recht und immer wieder recht." S. 151
Hier zeigt Meursalt allerdings Unsicherheit: wer so sein Recht haben betont, hat es nötig. Dazu paßt, daß Meursalt eigentlich mit seinem letzten Satz die Gleichgültigkeit aufgibt: er wünscht sich den Zuspruch (wenn es auch Schreie des Hasses sind) der Zuschauer.
Camus bringt die triste Stimmung sehr gut hin. Es gelingt ihm durch nüchterne Sprache und kurzen Sätzen. Nebensächlichkeiten gibt er breiten Raum. Die eigentliche Beerdigung der Mutter wird dann kurz abgehandelt: "Dann lief alles derart überstürzt, sicher und natürlich ab, daß ich mich an nichts mehr erinnere" (S. 24). Er gibt dem Text einen Tagebuchcharakter. Die Zeit, in der der Ich-Erzähler schreibt, hinkt der erzählten Zeit nur kurz hinterher. Im ersten Teil beginnen alle Kapitel mit Bezug auf den heutigen Tag ("Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern", S. 7) oder mit der Nennung des Wochentags ("heute ist Samstag", S. 26).
Insgesamt ein verstörrender aber ausgezeichneter kurzer Roman.
Ich habe die beiden, mir vorliegenden Übersetzungen (Georg Goyert, Hans Georg Brenner versus Uli Aumüller) verglichen (nur untereinander, da des Französischen unmächtig). Mir schien die ältere Übersetzung von Georg Goyert und Hans Georg Brenner angenehmer zu lesen.
Literatur
Baumgart, Reinhard: "Albert Camus: Der Fremde". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher. Frankfurt 1980. S. 399-402; camus Übersicht
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
camus camusAlbert Camus: Der Fremde. Reinbek: Rowohlt, 1997. Uli Aumüller, Übs. Broschiert camus
Albert Camus: Der Fremde. Großdruck. Reinbek: Rowohlt, 2003. Uli Aumüller, Übs. 185 Seiten camus
bahners camus Klaus Bahners: Albert Camus 'Der Fremde'. Darstellung und Interpretation. Hollfeld: Beyer, 2001.
Diese Interpretationshilfe hat zwei Mängel:
  1. sie ist eine ausführliche Inhaltsbeschreibung; nur im Rahmen dieser geht Bahners auf die zugrundeliegenden Problemfelder ein;
  2. sie zitiert nur französisch; wer Der Fremde auf deutsch vorliegen hat, ist etwas verloren.
Camus Camus Gerd Lamsfuß-Buschmann: Französisch Training. Interpretationshilfen 2 für die Oberstufe. Freising: Stark, 1998. – Musterinterpretationen zu ausgewählten Werken namhafter Autoren aus unterschiedlichen Epochen, darunter Camus: L'Etranger.  

Camus
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.7.2005