| Marcel Proust: Eine Liebe von Swann Frankfurt: Suhrkamp, 1959. 286 Seiten. Übs: Eva Rechel-Mertens |
|
| Dem Frauenheld Charles Swann wird im
Theater Odette de Crécy, eine halbseidene Madame, vorgestellt (S. 18).
Mitte des 20. Jahrhunderts lud man eine Frau Harmlosigkeit vortäuschend,
ein, indem man ihr die Briefmarkensammlung schmackhaft machte. Odette
interessiert sich selbständig für Swanns Sammlungen und wird zu ihm
eingeladen (S. 18-19). Er ist zwar zunächst von ihr enttäuscht (S.
20), stellt aber später fest, "daß sie auf frappante Weise der
Gestalt Sephoras, der Tochter Jethros auf einer der Fresken in der Sixtinischen
Kapelle glich" (S. 57). Sie führt ihn in Verdurins Salon ein. Binnen
weniger Tage verliebt sich Swann rettungslos in Odette. Sie genießt es
zunächst, wird aber schon bald seiner überdrüssig. Vielleicht
geht ihr aber nur der völlig Verliebte auf die Nerven. Swann wird
gesteigert eifersüchtig. Die Eifersucht ändert seinen Charakter und
dies wird von den anderen bemerkt (S. 145). Pikant an dem Verhältnis ist,
daß Odette sich von Swann aushalten läßt und er unfähig
ist, ihr ernsthaft zu drohen. Er zermattert sein Hirn, ob er Odette auf dem
Land nachfahren und "zufällig" begegnen soll (S. 158). Der Roman gewinnt
nun teilweise durch die Überlegungen Swanns (die der Ich-Erzähler
eigentlich nicht kennen kann), wie er Odette weiter an sich binden kann;
gleichzeitig schwant dem Swann, daß sich die Liebe zu Odette
verflüchtigt, die Eifersucht aber bleibt. Sie wird gesteigert, als in
einem anonymen Brief die Untreue Odettes geschildert und angeprangert wird.
Wieder vertieft sich Swann in abstruse Überlegungen und Vorstellungen: "Im
Grunde war in seinem Bekanntenkreis niemand, der einer Infamie nicht fähig
sein könnte. Sollte er einfach mit allen in Bausch und Bogen brechen?" (S.
253). Das geht bis zu: "Odettes Gegenwart säte in Swanns Herz abwechselnd
neuen Argwohn und neue Zärtlichkeitsgefühle" (S. 273). Handlungsort ist Paris und Umgebung. Die genaue Zeit geht aus Eine Liebe von Swann (ein Ausschnitt aus dem Mammutepos Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) nicht hervor. Charles Swann (in Bürstenform geschnittene rote Haare; grüne Augen, S. 17) ist vermögend (Börsenmakler) und mit der Aristokratie bekannt, so kennt er den Prinz von Wales u.v.a. Es wird zwar einmal berichtet, er habe zehn Jahre Architektur studiert, seine Studie über Vermeer van Delft macht er aber wohl mehr zum Zeitvertreib. Odette de Crécy hat eine dunkle Vergangenheit und verehrt Menschen, die Antiquitäten Jagen, Dichter verehren (S. 89), kurzum: reiche Müßgigänger. Auch im späteren (von mir früher gelesenen) F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby ( |
|
| Stil | |
Bemerkenswert ist der verschlungene
Stil Prousts. das äußerst sich in meist langen, verschachtelten
Sätzen, in denen schon mal Klammerausdrücke eingefügt sind. Ein
schönes Beispiel ist:
|
|
| Zusammenfassung: wer eine subtile psychologische Studie über die (fast unmerkliche) Wandlung des Lebemanns Charles Swann lesen will und vor langen Sätzen nicht zurückschreckt, wird mit Prousts Eine Liebe von Swann gut bedient. Die aufschlussreiche Schilderung des (blasierten) aristokratischen und Geldadels in Paris wird hinzugeliefert. | |
| Anmerkungen In der Buchausgabe der SZ-Reihe sind zahlreiche Anmerkungsseiten (was ich erst später erfuhr), die über meine hier weit hinausgehen. Einiges findet man aber nur hier! |
|
| Sandro
Botticelli, eigentlich Alessandro di Mariano Filipepi, 1445 Florenz
17.5. 1510 Florenz; italienischer Maler. Moses heiratet Zippora
(Sephora), die Tochter Jethros (2 Mose 2,21); sie ist auf dem Fresko
|
|
| Jan Vermeer, genannt Vermeer van Delft, 31.10. 1632 getauft in Delft 15.12. 1675 begraben in Delft; holländischer Maler. | |
| "wie ein Frosch vor dem Areopag" (S. 21) geht vermutlich auf eine Fabel zurück | |
| Sarah Bernhardt, eigentlich Henriette-Rosine Bernard, 22.10.1844 Paris 26.3.923 Paris, französische Schauspielerin (S. 25). | |
| Vinteuil, dessen Sonate für Violine und Klavier eine gewissen Rolle spielt, ist ein fiktiver, lokaler Komponist, der im Salon Verdurin verkehrt. | |
| Japanischer Salat (S. 105) aus dem Theaterstück von Alexandre Dumas der Jüngere (28.7.1824 Paris 27.11.1895 Marly-le-Roi): Francillon, 1887. | |
| Georges
Ohnet (18481918): Serge Panine (S. 107),
|
|
| Fénelon (S. 112), eigentlich François de Salignac de la Mothe-Fénelon, 6.8.1651 Schloss Fénelon, Département Dordogne 7.1.1715 Cambrai; französischer Schriftsteller und Theologe | |
| Eugène Labiche (S. 148), 5.5. 1815 Paris 23.1.1888 Paris; französischer Dramatiker, karikierte in zahlreichen Lustspielen das Bürgertum, u.a. »Der Florentinerhut«, 1851, das heute noch gespielt wird und mehrmals verfilmt wurde, u.a. auch mit Heinz Rühmann). | |
| »noli me tangere« (S. 151), lateinische Übersetzung des auferstandenen Jesus an Maria: "Rühre mich nicht an!", Joh. 20,17. | |
| Victor
Masse (1822 1884): Die Nacht der
Kleopatra (S. 153) [Une nuit de Cléopâtre].
Uraufführung: 25 April 1885 Opéra-Comique, Paris nach einem 1838 erschienen Stück von Théophile Gautier (1811 1872). |
|
| Theodore Barrière (1823 Paris 16.10.1877), französischer Dramatiker; 1853: »Les Filles de Marbre« (S. 256). | |
| Alfred de
Vigny (S. 266) (1797 1863),
|
|
| Spezielle Themen:
|
|
| Ab 1908 arbeitete Proust an seinem siebenteiligen Hauptwerk A la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit). Das hier besprochene Eine Liebe von Swann ist der Mittelteil des 1913 erschienenen ersten Teils Du côté de chez Swann (In Swanns Welt). | |
| Links | |
| Literatur | |
| Walter Mehring: "Marcel Proust: Auf der
Suche nach der verlorenen Zeit". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek
der 100 Bücher. Frankfurt 1980. S. 338-341; |
|
| Kindlers Literaturlexikon S. 881-884 |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
|
![]() |
|
| Marcel Proust: In Swanns
Welt. Frankfurt: Suhrkamp, 1997. Broschiert, 570 Seiten
|
||
|
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurt: Suhrkamp, 2000. Jubiläumsausgabe. 3 Bde. Broschiert, 4224 Seiten |
![]() |
| Marcel Proust: Auf der Suche
nach der verlorenen Zeit. Frankfurt: Suhrkamp, 2004. 7 Bde. Broschiert,
5300 Seiten
|
||