Antoine de Saint-Exupery: Nachtflug [Vol de Nuit]. Frankfurt am Main: Fischer, 1960. 145 Seiten. Vorwort:
André Gidé, Hans Reisiger, Übs.
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Literatur
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Auf dem Postflughafen in Buenos Aires
erwartet man die drei Zubringerflüge aus Patagonien, Chile und Paraguay;
erst dann startet das Postflugzeug nach Europa. Insbesondere der Chef der
Fluglinien in Südamerika, Rivière, ist gespannt: er hat vor kurzem
aus Konkurrenz- und Fortschrittsdenken die Nachtflüge eingeführt. Da
auf Sicht geflogen wird, sind die Nachtflüge problematisch und umstritten.
Zwei Linien treffen ein, nur Fabien aus Patagonien gerät in schweres
Unwetter: ein Zyklon über den Anden ( Anmerkungen) erwischt sein Flugzeug. Rivière
greift hart durch, damit seine Idee von der Nutzung der Nacht sich durchsetzt.
Dazu dienen strenge Material- und Dienstkontrollen. Er verhängt rigoros
Strafen für kleine Verfehlungen, auch wenn dafür nicht die Besatzung
verantwortlich ist. Durch seinen Willen allein meint er die Flugzeuge zu
beherrschen und vor Schaden bewahren zu können (S. 83). Er fordert den
Einsatz des Lebens von seinen Untergebenen.
| [Rivière:] "Und dennoch [...]
obwohl das Menschenleben unbezahlbar ist, handeln wir immer wieder so, als ob
es etwas gäbe, das das Menschenleben an Wert übertrifft ... Aber
was?" S. 107 |
Nach hinhaltender telefonischer Auskunft
fährt Fabiens Frau zum Flugplatz und wartet zusammen mit
Rivière. |
| Thematik |
Als Vol de
Nuit 1931 erstmals erschien war die Heroisierung
der Tat beliebt. Dazu stand Friedrich
Nietzsche Pate.
| "Freiheit ist wirklich eine schwere
Schuld; und nur durch große Taten läßt sie sich
abbüßen." Schopenhauer als Erzieher, 1874,
Werke in 3 Bänden I, München 1962, S. 351 |
Die Pioniere der zivilen Luftfahrt vollzogen
ihre Pflicht, ohne zu wissen, ob sie ankommen. Die Pioniere der Kletterei
nahmen etwa um dieselbe Zeit das Risiko des Lebens in Kauf (siehe
Leo Maduschka und
Hans Ertl). Die Piloten und Funker riskieren ihr Leben um neue
Lufträume zu erobern. Das Glück liegt gerade in der Ausführung
der Tat. André Gidé meint im
Vorwort, "daß das Glück des Menschen nicht in der Freiheit besteht,
sondern in der Hingabe an eine Pflicht" (S. 7). Damit liegt er schon nahe beim
Psychiater und Kletterer Viktor Frankl, der
meinte, ein Mensch brauche immer eine Aufgabe oder eine Person, dem er in Liebe
hingegeben ist ( Zitate von Viktor
Frankl). Durch das Erfüllen einer Aufgabe schafft der Mensch
etwas Beständiges. Bemerkenswert: die beiden Hauptpersonen am Boden
Rivière (heftiger Schmerz, S. 67) und Robineau (Aussatz, S. 45) sind
"defekt". Preis des
Fortschritts Rivière meint ein Leben opfern zu können
im Dienst der "höheren" Sache. Er stellt sich die Frage selbst (siehe
Zitat weiter oben): Wann ist es gerechtfertigt für eine Sache ein
Menschenleben zu opfern? Diese Frage ist auch in unserem täglichen Leben
zu stellen. Wir wissen, dass jeder Stadionbau, jedes große Bauprojekt
Leben kostet.
| Ein Ingenieur hatte einmal zu
Rivière gesagt, als sie sich über einen Verwundeten beugten, der
beim Bau der Brücke verunglückt was: "Ist die Brücke da ein
zerstörtes Gesicht wert?", S. 106 |
Was über Jahrhunderte zu fragen war, gilt
auch heute noch.
Der moderne Mensch meint, sich gegen
alles "versichern" zu können, gegen Krankheit und die Folgen des Alters,
gegen Unfälle und Terroranschläge, gegen Brand und Hochwasser,
Blitzschlag, Bergrutsch und Lawinengefahr. Die Natur ist keine bedrohliche
Gewalt mehr, mit welcher der Mensch in den hochindustrialisierten Gegenden der
Welt rechnet, sie scheint vom Herrschaftswillen des Menschen gebändigt zu
sein, und die Folgenabschätzung der übermäßigen
Technisierung ist eine wissenschaftliche Disziplin unter anderen. Wolfgang
Frühwald: "»Wie eine versteinerte Träne«. Adalbert
Stifters Naturgefühl". In: Sanfte Sensation. Stifter 2005. Linz
2005. S. 29 |
Damit ist Nachtflug zusätzlich
hochaktuell. Die Problematik der Einführung neuer
Techniken und Verfahren wird hier an einem Beispiel gezeigt. Die
Meinung mancher Zeitgenossen wird korrigiert, die hier eine Besonderheit
unserer Zeit sehen. Es wird deutlich, dass sich immer Leute finden, die neue
Techniken als Herausforderung begreifen (Rivière; Piloten) und die
dafür ihr Leben einsetzen. Speziell kann man aus der Rückschau von
über 70 Jahren erkennen, dass sich der Einsatz oft nicht lohnt: Techniken
werden überflüssig. So steht neben dem Sinn des Berufes (Unterthema: Verhältnis
Vorgesetzter zu Untergebenen) auch der Sinn und Wert
des Lebens zur Debatte. |
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| Bewertung |
Nachtflug zeigt, dass
Saint-Exupery packender schreiben konnte, als im kitschnahen Märchen vom
kleinen Prinzen. Er griff hier zeitlose Themen der Arbeitswelt auf. Wer die
Beschreibung der brutalen Lohnarbeit nicht erträgt und stattdessen die
Traumtänzerei bevorzugt, greife weiterhin zu Der kleine Prinz. Wer
Rivières rücksichtslose Normerhöhung und Bestrafung für
übertrieben oder gar realitätsfern hält, der lese Joseph
Heller: Catch-22 ( Rezension), wo ähnliches im 2.
Weltkrieg erzählt wird oder Carolin
Emcke: Von den Kriegen (
Rezension) wo dasselbe im 21. Jahrhundert geschieht. Die
Heroisierung der Pflichterfüllung wird im Roman unbefragt
übertrieben. Im Wasserburger Literaturstammtisch ( Wasserburger
Literaturstammtisch) ich will es nicht verschweigen
wurde die Technikversessenheit und die Hingabe der Piloten an ihre
Flugleidenschaft, den Tod einkalkulierend, bemängelt. Dazu pflichte ich
Viktor Frankl bei ( Thematik), ein Mensch brauche immer eine
Aufgabe und ergänze: ich möchte meine Neigungen (die nicht das
Fliegen oder das Risiko betreffen) nicht zum Massstab machen. Schon Achilles
bevorzugte ruhmreiches kurzes Leben; viele Pioniere zogen das Risiko in Kauf;
der eine lebt für seinen Sportverein, der andere kämpft mit
Primzahlen, andere lieben Abenteuer im Grenzbereich (siehe oben
die Kletterer der 1920-er Jahre),
die Autorennfahrer (und noch stärker ihre Fans) sind für mich
unerklärlich. Doch ich will darüber nicht werten und meine, Nachtflug ist auch 2005 lesenswert. |
| Anmerkungen |
Gyroskop das, S. 36 Gerät zur Untersuchung
von Kreiselbewegungen unter Einfluss äußerer
Kräfte. Zyklon der, (passim) in
der Meteorologie: Luftwirbel, im engeren Sinn regionaler tropischer Wirbelsturm
über dem Indischen Ozean; vergleichbar mit Hurrikan (Karibik) und Taifun
(westlichen Pazifik). Ozymandias, S.
109 Das Ende des 14. Kapitels scheint mir auf Ozymandias und das
entsprechende Gedicht zu verweisen.
| "Der Führer der Völker von
einst wenn er auch vielleicht kein Mitleid hatte mit dem Leiden des
Menschen, so hatte er doch unendliches Mitleid mit seinem Tode. Nicht mit dem
Tode des Einzelnen, aber Mitleid mit der Gattung und ihrem Dahinschwinden in
einem Meer von Sand. Und so ließ er sie wenigstens Steine aufrichten, die
die Wüste nicht verschlingen könnte.", S. 109 |
Vergleiche: Percy Bysshe Shelley:
"Ozymandias of Egypt" "Er drehte voll nach
Osten" (S. 113) Fabien merkt, dass sie durch den Sturm aufs
offene Meer gelangt waren und dreht nach Osten. Diese Bemerkung zum Flug
Patagonien Buenos Aires bereitet mir Kopfschmerzen. Die einzige
Erklärung wäre, dass Fabien sich über dem Pazifik wähnt.
Doch ist das einleuchtend? Bei der Streckenführung, zumal er nicht mehr so
weit vom Ziel entfernt scheint, ist das Meer wohl der Atlantik!?! Zusatz 20.
Juli 2005 In der neuen Fischer-Taschenbuchausgabe ist der Satz aus Kapitel
XV auf S. 101 und heißt jetzt: "Er drehte
voll nach Westen" (S. 101). Ich kann wieder ruhig schlafen.
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| Hörspiele und anderes |
- 1952 SDR 55 Min. Regie: Paul Land, Bearbeitung: Erich
Ebermayer,
- 1970 ORF 59 Min. Regie und Bearbeitung: Hans Krendlesberger
- ? Pierre Schaeffer (14.8.1910 Nancy 19.8.1995 Mille;
Komponist): Vol de Nuit
1953 Ingeborg Bachmann: "Nachtflug" (Gedicht) 1984 Heinz
Pelka (DDR): "Nachtflug", 13 Min. Regie: Werner Grunow 1985 Kurt Rapf (*
1922): Nachtflug. Eine Elegie nach Worten von Ingeborg Bachmann
für Tenorsolo, gemischten Chor und Orchester
Ulrich Schäfer-Newiger: "Nachtflug" (Gedicht).
Zur Erinnerung an Antoine de Saint-Exupéry, Ingeborg
Bachmann, Elias Canetti (in der strikten Reihenfolge ihres
Abtretens) |
| Links |
Société
pour l'Oeuvre et la Mémoire de Saint-Exupéry Antoine de
Saint-Exupéry:
Lyrikwelt
Wikipedia
Gabriele Kern: "Man kann die Welt nur nach dem verstehen, was man
erlebt"
Ingrid Staehle: "Saint-Exupery - Zum 100. Geburtstag wird der Mythos
menschlicher"
Rezension: Wind, Sand und Sterne Zitate:
Antoine de Saint-Exupéry
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