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Grall
Xavier Grall: Angst und Zauber
[Cantique à Melilla]. Saarbrücken: Conte, 2005. Holger Naujokat, Übs., Nachwort. Broschiert, 151 Seiten – Grall Literatur
Der junge Enrico (meist der Ich-Erzähler) hat bei einem Tötungsauftrag in Nordafrika versagt oder zu selbständig gehandelt. Dafür wird ihm ein Killer auf den Hals gesetzt, der aber die geplante Exekution hinauszögert: er will zuvor von Enrico den Hergang des gescheiterten (?) Auftrags erzählt bekommen. Das weckt die Neugier des Lesers.
Der Roman lebt vom Zwiespalt Enricos. Er schwankt zwischen Ergebenheit in das unausweichliche Schicksal und dem Versuch, dem Killer zu entkommen. Er träumt von Mellila, einem (fiktiven?) Ort am Meer. Andrerseits macht er sich selbst Vorwürfe, die darin gipfeln, dass er für sich selbst den Exekutionspfahl fordert (S. 55). Enricos Gedanken, die er impulsiv und bilderreich vorbringt, erreichen oft eine brennende Intensität, gelegentlich ermüdete mich sein Gedankenschwall. Es entsteht ein feines Psychogramm eines Fliehenden, Suchenden und Sehnsüchtigen.
Zwei typische Beispiele der lakonischen Einstellung Enricos:
"Man geht, marschiert, liebt, hasst, wird alt, ruiniert sich einen Lungenflügel, krepiert, fertig aus" (S. 16)
"Es war einfach. ich war dreißig Jahre alt. ich war Mitglied einer Geheimorganisation gewesen. Ich wurde gesucht, verfolgt. Man würde mich umbringen. Das war alles." (S. 57)
Das erinnert an William Faulkner, der es noch kürzer formulierte: "He was born, he suffered and he died" (Grall William Faulkner: Knight's Gambit)
Die pessimistische Grundhaltung Enricos zeigt sich in seiner zustimmungsfähigen These, dass die Menschheit nie mehr ein Athen erschaffen wird, aber tausend mal noch Stalingrad (S. 118).
Obwohl ich der Literatur Priorität zubillige, die Bildlichkeit der gegenwärtigen Gesellschaft aber wohl sehe, fasse ich zusammen: ein spannendes Roadmovie, durchsetzt von Betrachtungen über das Leben.
Leitmotivisches
Genau passend zum Romaninhalt taucht immer wieder Joaquín Rodrigo: Concierto de Aranjuez (1939) auf. Es ist die Erkennungsmelodie der Killer der Geheimorganisation. Ich kenne es hauptsächlich aus der Interpretation durch Miles Davis im Album Sketches of Spain (1960). Nach der Ausführung des Auftrags pfeifen die Killer St. James Infirmary: das Opfer kann es nicht mehr hören. St. James Infirmary (Joe Primrose), der Begräbnissong aus New Orleans, ist durch Louis Armstrong (1928) bekannt, wurde aber seitdem von vielen Künstlern interpretiert.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.8.2005