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Gavalda
Anna Gavalda: Ich habe sie geliebt
[Je l'aimais] München: Hanser, 2003. Gebunden, 164 Seiten. Ina Kronenberger, Übs. – gavalda Linksgavalda Literatur
Der kurze Dialogroman Ich habe sie geliebt gibt dem Leser einige Hürden vor. Davon später.
Adrien hat seine mehrjährige Ehe mit Choe aufgekündigt und ist mit einer Geliebten ab. Sie sitzt mit Marion und Lucie, den beiden Töchtern, bei den Schwiegereltern Suzanne und Pierre. Pierre Dippel, Schwiegervater fahrt mit ihnen - es ist fast elf Uhr nachts - ein bißchen hinaus. Sie fahren ins kalte Sommerhaus der Familie Dippel, das leer steht. Obwohl sich Chloe nicht nie mit Pierre wohl fühlte (S. 13) teilt sie die kommenden Stunden mit ihm. Und Pierre heizt ihr ein: wörtlich, da es anscheinend beginnender Winter ist, und verbal. Er tischt ihr seine mehr als fünfjährige Seitensprung Geschichte mit Mathilde auf. Er liebte sie (Titel!) und gab sie zugunsten einer formalen Ehe mit Suzanne auf (oder gab Mathilde ihn auf?). Der schweigsame "Kotzbrocken" Pierre erweist sich als liebender Vierziger und aufopfernder Ehemann.
Etwas überraschend will er dann Chloe klar machen, dass sie froh sein sollte, dass sie der Nichtsnutz Adrien verlassen hat. Wie das allerdings mit seiner erzählten Geschichte zu tun hat ist mir unklar. Seine Affäre mit Mathilde zeigte
  • man soll nicht einer Liebeslaune nachgeben und dafür eine Ehe gefährden (also contra Adrien), oder
  • man darf die Chance einer Liebesbeziehung nicht sausen lassen, nur weil man verheiratet ist (also Adriens Affäre und Verhalten bejahend) und
  • hinter manchen biederen Menschen (Pierre) steckt mehr als man ahnt.
Vielleicht zeigt Pierres Affäre, dass eine Ehe auch dann scheitert, wenn der Mann bleibt. Jedenfalls spiegelt sich in der Beziehung Pierre - Suzanne (Mathilde) die Beziehung Adrien - Cloe (unbekannte Geliebte) und die Konstellation tritt nochmals verändert auf: die Sekretärin Pierres Francoise wird von Jean Paul verlassen und während ihrer Krebsbehandlung findet sie einen neuen Gefährten.
Abschluss der Besprechung des Romans durch Stefan Maus: "Ursprünglich ist der Roman bei dem Pariser Verlag Le Dilettante erschienen. Man kann sich keinen angemesseneren Publikationsort für eine solche Prosa vorstellen". Siehe gavalda Links
Dialoglastig ohne Sprecherangabe
Gavalda setzt die Dialogteile meist ohne Kommentar hintereinander. Auf S. 13 dämmert mir, dass der vermeintliche Ich-Erzähler Pierre die Chloe ist. Also lese ich nochmals von Anfang an. Auch später sorgt diese leserunfreundliche Technik für manche Verwirrung.
Ein solcher Dialog, bei dem nicht klar ist, wer was spricht, kreist um Adrien. Wahrscheinlich Cloe meint über ihn: "Ganz im Gegenteil, glücklich ist er! Er hat eine ramponierte und langweilige Frau gegen ein unverbrauchtes junges Mädel eingetauscht. Jetzt ist sein Leben viel lustiger, weiß du" (S. 69). Immerhin weiß es jetzt auch der Leser: eine Frau mit zwei Kindern sitzen zu lassen ist lustig. Ganz anders sieht es Pierre (diesmal bin ich mir ziemlich sicher, wer spricht): "Man redet immer vom Kummer derer, die verlassen werden, aber hast du schon einmal an den Kummer dessen gedacht, der geht?" (S. 75).
Praktisch alles erfährt der Leser aus der wörtlichen Rede von Chloe und Pierre. Das macht den Text unanschaulich.
Chloe kommentiert einmal gut Pierres Dialoge: "Habt ihr wie in diesen schäbigen Schundromane geredet?" [Pierre:] "Ja" (S. 128). Beide haben recht.
Hieb auf Paulo Coelho
Das Betroffenheitsgerede erinnerte nicht nur mich an Phrasendrescher Paulo Coelho. Auch Chloe:
"Oh! Klingt das gut, was du da sagst! Man könnte meinen, Paulo Coelho persönlich" (S. 163). Leider hat Chloe recht.
Weitere Unklarheiten
  • Lucie trägt noch Windeln (S. 9), trotzdem setzt Chloe die Kleine zum betrunkenen Marcel ("fuhr gefährlich Schlangenlinien", S. 47) aufs Rad. Marion scheint noch jünger zu sein. Zumindest schläft sie im Kindersitz im Auto, während Ludie daneben liegt (S. 8).
  • Die Affäre Pierre- Mathilda dauert schon einige Zeit, aber sie siezen sich (S. 118). Er gesteht ihr mit dem "Gesicht zwischen ihren Beinen": "Ich liebe Sie" (S. 119). Da fiel mir ein: "Hello, I love you, won't you tell me your name?" von The Doors (1968).
  • Pierres Geliebte hat Billy geheiratet. Erst einen Monat später berichtet sie ihm davon (S. 146). Das ist ungewöhnlich, auch dass sie sich trotzdem mit Pierre trifft; aber es mag vorkommen. Etwas später (Abstand wird nicht genannt) begegnet sie ihm mit ihrem Kind, das noch keine 5 Jahre alt ist (S. 161) und Pierre fragt er treuherzig: ".. lebst du mit jemandem zusammen?" Es keimt die Frage auf, ob Mathilde den Billy nicht nur erfunden hat und das Kind doch von Pierre ist!?
  • Pierres Sekretärin kämpft lange mit dem Krebs, dem Tode geweiht (sie sollte nicht mehr bis Weihnachten leben), von der Therapie gezeichnet. Kurz darauf lädt Pierre Geschäftkunden ein und "Francoise hatte alles organisiert". Etwas Aufklärung erwarte ich mir da als Leser schon.
  • Ganz am Ende setzt Anna Gavaldo noch eine gleichnishafte Episode beim Bäcker drauf. Wieder ist mir die Lehre und besonders der Bezug zum Roman nicht ganz klar. Nutze den Einfall des Augenblicks, also "Carpe diem", Paulo Coelho grüßt!? Richtig ist vielleicht: nutze den richtigen Augenblick. Wenn man diesen vertreichen lässt, ist es zu spät.
Nach dem Debüt Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet wurde die Autorin hoch gelobt. Der hier vorliegende Zweitling Ich habe sie geliebt bestätigt das Lob nicht.
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Links zu Rezensionen
BroeckhovenDaniela Ecker: "Anna Gavalda - Ich habe sie geliebt", 30. Jänner 2003
BroeckhovenGernot Krämer. "Enttäuschte Hoffnung", titelmagazin
BroeckhovenLyrikwelt (mehrere Rezensionen)
BroeckhovenStefan Maus: "Anna Gavalda massiert die Tränendrüsen: Ich habe sie geliebt", SZ, 17.03.03
BroeckhovenMarine Meslé: "Ich habe sie geliebt", DLF 1.7.2003
gavalda Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben
Literatur
gavalda BroeckhovenAnna Gavalda: Ich habe sie geliebt. München: Hanser, 2003. Gebunden, 164 Seiten. Ina Kronenberger, Übs. gavalda
Anna Gavalda: Ich habe sie geliebt. Frankfurt: Fischer, 2004. Broschiert, 180 Seiten Broeckhoven
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 14.8.2006