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Nothomb
Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern
[Stupeur et tremblements]. Zürich: Diogenes, 2000. Wolfgang Krege, Übs. Gebunden, 157 Seiten
Nothomb Kleopatras NaseNothomb LinksNothomb Literatur
Die junge belgische Ich-Erzählerin Amélie arbeitet für ein Jahr als Praktikantin bei Yumimoto, einem grossen japanischen Unternehmen. Die Hierarchie ist extrem wichtig:
Haneda, Vorstand
Omochi, stellvertretender Vorstand
Saito
Fubuki Mori
Praktikantin Amélie
Die Handlung ist schnell skizziert. Amélie wird mit Aufgaben betraut, die sie nicht meistert. Ihr Aufgabenbereich wird immer minderwertiger, bis sie schließlich als Toilettenfrau die restlichen Monate zubringen muß. Das Verhältnis zu den Vorgesetzten ist autoritär, strikt hierarchisch und für westliche Angestellte extrem unterwürfig und ergeben.
Nun kann man den Roman auf zwei Arten lesen:
  1. Der japanische Ehrenkodex im Unternehmen und die Behandlung der Frau in Japan ist fürs Abendland zutiefst kränkend. Amélie wird teilweise mit sinnlosen Aufgaben betraut und oft gedemütigt und degradiert. Sie als Frau und Europäerin gilt als minderwertig. Dadurch wird Mit Staunen und Zittern zur Groteske einer fremden bizarren (Unternehmens)Kultur.
  2. Amélie lässt kein Fettnäpfchen aus. Sie spricht bei einer wichtigen Firmenkonferenz japanisch und beherrscht es nicht. (Das ist vergleichbar mit den Bairisch-Versuchen von Norddeutschen: sie sind bestenfalls erheiternd, meist schlimmer: peinlich.) Dann muß sie Spesenabrechnungen überprüfen und ist offensichtlich zu doof: die Abrechnung lautet auf 93.327 Yen, Amélie kommt auf verschiedene Beträge, die weit auseinander klaffen: 15.211 oder 172.045 Yen (S. 59). Fubuki bricht in einen Weinkrampf aus und Amélie greift ein: Faux pas!.
Die meisten Rezensionen schiessen sich auf die erste Lesart ein. Nur anlässlich einer Filmbesprechung erkennt Stefan Meduna das berufliche Versagen der Protagonistin (Nothomb Links). Dabei könnte es durchaus sein, dass Fubuki Mori der Praktikantin zeigen will: Spesenabrechnungen der leitenden Herren werden pro forma überprüft aber im Endeffekt abgehakt. Sie scheint es nach dem Scheitern von Amélie so zu halten. Zwischendrin begreift Amélie ihre eigentlich große Chance: sie gibt sich den Anschein ständigen Beschäftigtseins (S. 75); allerdings hält das nur kurzzeitig an. Recht spät erkennt sie auch, dass in Japan das Arbeitsverhältnis und das Unternehmen im Mittelpunkt der Existenz stehen (S. 137).
Die überraschenden Wendungen waren meist – trotz der Klischees – recht amüsant. Im Verhaltenskodex für junge japanische Frauen erkannte Amélie gar eine pfiffige Art Catch-22 (S. 88; vergleiche Nothomb Joseph Heller: Catch-22).
Die Autorin Amélie Nothomb ist in Japan geboren und kann sich deshalb diese stechende Satire erlauben. Ich meine, ein ähnlicher Roman einer deutschen Autorin wäre nicht so freundlich besprochen worden.
Als Nicht-Kenner Japans hinterlässt der Roman Mit Staunen und Zittern bei mir einen ratlosen und faden Nachgeschmack: was ist überzeichnete Satire, was ist praktiziertes Unternehmensverhalten? Ist Amélie zu beschränkt oder sind die Regeln zu engstirnig und hirnrissig? Oder sollte ich den Roman nur lockerer lesen?
Wenn man diese Vorbehalte berücksichtigt ergibt sich ein kurzweiliger, teilweise köstlich humoriger Roman über eine Fremde in Fernost.
Nothomb Anfang
Resonanz
In einer Diskussion von Mit Staunen und Zittern kamen folgende Aussagen über den Roman: "Die japanische Gesellschaft ist krank", "... zeigt, wie's in Japan zugeht", "feine Beobachtung von Tatsachen", "der japanischen Gesellschaft wird der Spiegel vorgehalten". Zwar wurden auch die ironischen Übertreibungen im Roman erkannt, die Aussagen zeigen aber, dass die Klischees für Realität gehalten werden. Und hier liegt die Gefährlichkeit des Romans für das Bild der japanischen Kultur: man nimmt 157 Seiten letztlich (und vielleicht unbewußt; und gar ausreichend) für bare Münze. Stattdessen sollte man Mit Staunen und Zittern nur so lesen, wie es – denke ich – von der Autorin gemeint ist: eine amüsante Zuspitzung, die zum Ausgangspunkt echter Information dienen kann.
Kleopatras Nase
  Ich-Erzählerin Amélie meint: hätte Kleopatra eine japanische Nase gehabt, "wäre die Geographie des Planeten nicht schlecht durcheinandergeraten" (S. 11). Sie meinte wohl etwas anderes als Geographie, aber es ist richtig: Kleopatras Nase und deren Einfluß auf das Weltgeschehen ist sprichwörtlich.
  Etwas großspurig wird von der Kleopatras Nase Theorie gesprochen. Wenn Mark Antonius von Kleopatras Schönheit weniger beeindruckt gewesen wäre, hätte er sich besser auf die Schlacht bei Actium konzentrieren können. Dabei wurde Antonius' Flotte 31 v.Ch. von Octavius vernichtend geschlagen. Das Römische Imperium und die westliche Zivilisation hätte sich anders entwickelt.
Ich meine, es ist trivial, dass das Weltgeschehen von wínzigen Zufällen abhängt. Insofern ist Pascals Bemerkung witzig und richtig. Dazu gibt es eine reichhaltige bezugnehmende Literatur von ernsthaften historischen Essays bis zu Asterix. Siehe Nothomb Literatur.
  Blaise Pascal: "Le nez de Cléopâtre: s'il eût été plus court, toute la face du monde aurait changé." In: Pensées (Gedanken)
Die Nase Kleopatras: Wäre sie kürzer gewesen, hätte sich das gesamte Antlitz der Welt geändert.
  nothombBlaise Pascal (1623-1662)nothombBlaise Pascal (Zitate)nothombKleopatra in AsterixnothombSprachspiele: Asterix und Kleopatra
nothombGeorge Garrett: "Cleopatra's Nose: Essays on the Unexpected". Insight on the News, 30.1. 1995, Rezension, siehe Nothomb Literatur
nothomb"Cleopatra's nose". The Hindu 19.8.2001, Rezension zu Robert Cowley, Hg.: What If? Military Historians Imagine What Might Have Been, siehe Nothomb Literatur
nothombTonya Lowe: "Daniel J. Boorstin: Cleopatra's Nose: Essays On The Unexpected", siehe Nothomb Literatur
nothombAndrew Roberts: "If Cleopatra's nose...". The Spectator, 1.4. 2000, Rezension zu Jonathan North, Hg.: The Napoleon Options: Alternative Decisions of the Napoleonic Wars, siehe Nothomb Literatur
Auszeichnung
1999 Grand Prix du roman de l'Académie Française, vergeben von der Académie française.
nothombGrand prix du roman de l'Académie française
Verfilmung
Mit Staunen und Zittern [Stupeur et Tremblements], Frankreich/Japan 2003, Regie: Alain Corneau Drehbuch: Alain Corneau nach dem Roman von Amelie Nothomb
Darsteller: Sylvie Testud, Kaori Tsuji, Taro Suwa, Bison Katayama, Yasunari Kondo
Links
nothombAmélie Nothomb
nothombStefan Meduna: Kino-Besprechung: Mit Staunen und Zittern
Rezensionen
nothombChrista Kokotowski: Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern Deutsche Welle
nothombClaudia Kramatschek: NDR 26. August 2004
nothombKarsten Pöhl: "Scheitern im Land der Kindheit"
nothombAnne Stresing: "Aufzeichnungen einer Toilettenfrau", Literaturkritik 11, (2000)
nothombElin Verner-Carlsson: "Fernöstliche Talfahrt", Kulturküche/Redaktionsbüro nikorepress 2004
Literatur
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Nothomb nothombAmélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern. Zürich: Diogenes, 2002. Wolfgang Krege, Übs. Broschiert, 157 Seiten Nothomb
Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern. Hamburg: Hörbuch, 2006. Wolfgang Krege, Übs. Sonderausgabe 3 CDs nothomb
kleopatra nothomb Emmanuel Carrère: Kleopatras Nase. Kleine Geschichte der Uchronie. Berlin: Gatza, 1993. Broschiert, 142 Seiten nase
Daniel J. Boorstin: Cleopatra's Nose: Essays on the Unexpected. Vintage 1995. Taschenbuch, 224 Seiten nothomb
nase nothomb Josef Imbach: Über Gott und die Welt. Theologische Quergedanken. Würzburg: Echter, 2001. Broschiert, 159 Seiten. Mit einem Kapitel: "Kleopatras Nase" asterix
Albert Uderzo, Rene Goscinny: Asterix, Bd.2. Asterix und Kleopatra. Ehapa, 2004. 48 Seiten. 9., Aufl. nothomb
cowley nothomb Robert Cowley: What If?: The World's Foremost Military Historians Imagine What Might Have Been. Berkley 2000. Taschenbuch, 395 Seiten cowley
Robert Cowley: Was wäre geschehen, wenn? Wendepunkte der Weltgeschichte. Droemer/Knaur 2006. Broschiert, 570 Seiten nothomb
north nothomb Jonathan North, Hg.: The Napoleon Options: Alternative Decisions of the Napoleonic Wars. Greenhill 2000. Gebunden, 208 Seiten nose
Jerome Agel, Walter D. Glanze: Cleopatra's Nose: The Twinkie Defense, and 1500 Other Verbal Shortcuts in Popular Parlance. Paramus, New Jersey: Prentice Hall, 1990. 266 Seiten nothomb
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 23.9.2006