| Voltaire:
Candide
oder Der Optimismus [Candide, ou l'optimisme] Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1964. S. 17 – 140. Ilse Lehmann, Übs. Radierungen von Christoph Meckel – |
| Ein Klassiker über den es nichts mehr zu sagen
gibt? Weit gefehlt. Ich las Candide zum ersten Mal während der Schulzeit, weil es verboten war (wegen des Textes oder der Zeichnungen) oder auch nur weil es bis zum Abschaffung des Index der Katholischen Kirche 1964 darauf war. Wenn ich mich richtig entsinne: amüsant, mehr nicht. Dann las ich Candide auf beste Empfehlung einer Philosophiedozentin und nun zum dritten Mal im Rahmen eines Wasserburger Literaturtreffs. |
| Voltaire schuf für
damalige Zeiten (1758
entstanden, 1759 anonym erschienen) ein mutiges, satirisches
Meisterwerk. Auch heute ist es vergnüglich zu lesen. Man
muß sich aber den Hintergrund vergegenwärtigen sonst
gehen viele Spitzen ins Leere. Der große Universalgelehrte G. W. Leibniz postulierte 1710, dass unsere Welt die bestmögliche sei. Diese ungeheure Behauptung geht auf zwei theologische Argumentationen zurück, die ich skizzieren will. 1) Gott kann nichts anderes als das Bestmögliche schaffen. Alles andere wäre unter seinem Niveau. Dass wir Menschen die Welt nicht so sehen liegt an unserem beschränkten Erkenntnisvermögen. 2) Das andere Argument dient der Lösung der Theodizee-Frage. Dem christlichen Gott werden die Eigenschaft Allmacht und Allgüte zugeschrieben. Es gibt aber offensichtlich Übel. Mit der Allgüte kann es also nicht so weit her sein. Oder man hält an der Allgüte fest, dann war es wohl die fehlende Allmacht, die zum Übel führte. Hier liegt eine Lösung darin, unsere Welt als das bestmögliches Gleichgewicht zwischen Gutem und Bösen anzusehen. Eine ähnliche Argumentation dient auch den ID-Vertretern, um dem Vorwurf zu begegnen, dass vieles im Bereich des Lebendigen nur von einem Stümper erdacht worden sein kann (siehe "Evolution des Lebendigen – kein Intelligent Design!" unter Die Theodizee wird auch heute noch heiß diskutiert, sowohl in akademischen Kreisen als auch im Internet. Kein Forum mit philosophischen oder theologischen Fragen oder einen oder mehrere Threads zur Theodizee. Steven Weinberg wies darauf hin, dass ein Gott der Vögel und Bäume auch ein Gott der Geburtsfehler und der Krankheit Krebs ist (Steven Weinberg: Dreams of a Final Theory, S. 250; siehe |
| Voltaire läßt seinen Protagonisten
Candide (westfälische Abstammung) mit Pangloß, dem
Zerrbild eines Philosophen, eine Weltreise unternehmen. Trotz Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Inquisition, Krankheit und Hinrichtung bleibt Philosoph Pangloss dabei: "Dies ist die beste aller möglichen Welten." Candide kontert: "Wenn das die beste aller möglichen Welten ist, dann möchte ich erst die übrigen sehen!" Daniel Dennett zitiert in Darwin's Dangerous Idea dazu passend • Bellmans Theorem "Was ich dir dreimal sage ist wahr." • Tante Jobiscas Theorem "Es ist eine Tatsache, die die ganze Welt kennt." • Pangloss Theorem "Dies ist die beste aller möglichen Welten." Aus Murphy's Law kann man das sogenannte Haldane's Law ergänzen: "The universe is not only queerer than we imagine, it's queerer than we can imagine. Dabei zieht der Autor das Postulat der bestmöglichen Welt auf zwei Wegen in die Lächerlichkeit. 1) Er führt auf vielfache Weise vor, dass fast alles auf der Welt im Argen liegt und stark verbesserungswürdig wäre. 2) Er zeigt mit El Dorado in Südamerika ein Land in dem alles bestens ist: es geht also Wie fein gesponnen die Satire ist, erkennt man wohl nur beim mehrfachen Lesen. Die Häufung der Übel, Zufälle und überraschenden Zusammentreffen senken die Aufmerksamkeitsschwelle. • Diesmal entdeckte ich beispielsweise diese feine Finte. Cacambo, der Diener und Reisebegleiter in Südamerika, empfiehlt flußabwärts zu fahren, da ein Fluß immer in eine bewohnte Gegend führt. Candide, wohl erziehungsmässig oder durch den Umgang mit Pangloß verblendet, merkt die gute Begründung nicht. Er antwortet: "Also gut [...] vertrauen wir uns die Vorsehung an" (S. 72). Die göttliche Vorsehung wird als völlig natürliche Ursache entlarvt. (In unwegsamen Berggelände ist für die Überquerung eines Bergbaches umgekehrt zu empfehlen aufwärts zu streben: der Bach wird schmaler). • Auch Spitzen gegen die Bibel fielen mir erst diesmal auf. Da wird ein Admiral "feierlich umgebracht". Auf Candides Frage, warum, wird ihm erklärt: "Weil er nicht genug Leute niedermetzeln ließ" (S. 108). Man lese zum Vergleich den Gottesbefehl an Saul: "... töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel!" 1 Sam 15,3. Saul bringt es nicht übers Herz, diesem grausamen Befehl zu folgen. Da bereute Gott Saul zum König gemacht zu haben (1 Sam 15,10). • Ein anderer Vergleich drängte sich mir auf. Im Bestseller (ich begreif es nicht!) Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück ( • Weitere Hiebe erhalten in diesem Werk die Kirche, die Jesuiten, das Militär, die Sklaverei, ... Kein Wunder, dass dieses Buch anonym erscheinen mußte und lange Zeit in vielen Ländern verboten war. |
| In den Zitatenschatz der Weltliteratur ging ein: [Candide:] "Wenn das hier die beste aller Welten ist, wie muß es dann erst auf den anderen aussehen?" (S. 38) |
| Glänzende Satire, wenn auch durch die Wiederholung trotz allem Witz manchmal einlullend. Candide ist ein Generalangriff auf den Sinn des Lebens, den Schöpfermythos und gegen die Lage der Welt im Allgemeinen. |
| Links |
| Theodizee: |
| Literatur |
| Minder,
Robert (1980): "Voltaire.
Candide". In: Fritz J. Raddatz, Hg.: ZEIT-Bibliothek der 100
Bücher. Frankfurt. S. 106-108; |
| Peter, Ingrid (1986): "Candide ou l'Optimisme". In: KLL, S. 1745-1746 |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
![]() |
|
| Voltaire: Candide.
Anaconda, 2006. Gebunden, 159 Seiten. Wilhelm Ch. S. Mylius,
Übs. |
||
![]() |
![]() |
|
| Voltaire:
Candide
oder Der Optimismus. Ditzingen: Reclam,
2007. Broschiert: 179 Seiten. Nachbemerkung von Alexander
Reck, Übs.: Stephan
Hermlin, Zeichnungen: Gabriele Mucchi |
||
|
||
| Lektürehilfen
Voltaire ' Candide'. (Lernmaterialien). Stuttgart: Klett,
1992. Taschenbuch, 144 Seiten |
||