| Pierre
Péju: Die kleine Kartäuserin [La petite Chartreuse, 2002] München: Piper, 2005. Elsbeth Ranke, Übs. Gebunden, 189 Seiten |
| Dem Buchhändler Etienne Vollard läuft das Mädchen Eva
ins Auto. Sie kommt ins Krankenhaus. Nach langwieriger Operation liegt
sie wochenlang im Koma. Vollard lernt die Mutter des Kindes Thérèse
Blanchot kennen, die sehr wenig Zeit für ihr Kind hat. Dafür liest und
rezitiert
Vollard stundenlang am Bett Evas. Nachdem Eva aus dem Koma
erwacht stellt man fest, dass sie nicht sprechen kann. Sie
wird zur Rehabilierung in eine Klinik in der Chartreuse ( Eva wird unfreiwillig zur kleinen Kartäuserin; Péju setzt ihr das Kartäuserkloster entgegen, in das sich Menschen mehr oder minder freiwillig zurückziehen. Etienne Vollard hat sich immer mit Bücher beschäftigt und führt ein Geschäft (unterstützt von Madame Pélagie) für neue und antiquarische Bücher. Mit Hilfe der Literatur holt er Eva ins Leben zurück. Doch das reicht nicht ... Die alleinerziehende Mutter Thérèse ist vom Leben überfordert. Sie holt Eva zu spät von der Schule ab (die eigentliche Ursache für den Unfall), findet keine Wege um ihr in schweren Stunden nahe zu sein. Als Gegenfigur zum Buchhändler würde sie ein Buch nur mit der Beißzange anfassen (S. 134). |
| Péju
zeigt nur gelegentlich seine Kunst. Er startet gut
mit "Das überfahrene Kind" und läuft zur Hochform auf, als der
Ich-Erzähler aus der Schulzeit erzählt. Das erinnerte an Henri
Alain-Fournier: Der große Meaulnes (siehe
Geschickt ist Péjus Romankonstellation. Er läßt einen Schulfreund des späteren Buchhändlers als Ich-Erzähler agieren. Viele Kapitel sind aber dicht an Vollard selbst erzählt. Von einem kurzen Roman kann man kein Krieg und Frieden (S. 60) erwarten. Doch Die kleine Kartäuerin hat etliche Mängel. • Der Dialog beim ersten Aufeinandertreffen Etienne – Thérèse im Krankenhaus (S. 45ff) ist unglaubwürdig. Immerhin ist der Unfall wenige Stunden her und immerhin hätte Etiene die kleine Eva beinahe getötet. Auch Thérèses Reaktion auf den ersten Befund der Ärzte ist komisch. Der Befund schließt mit: "Das muß man abwarten." Thérèse legt los: "Immer noch warten? Aber worauf denn? Das ist unmöglich, unerträglich" (S. 52). • Die Kopulationsbeschreibung (S. 183) ist rekordverdächtig seltsam und gespreizt. Das "seltsame fiebrige Androgyn" sank "sanft in sich selbst zusammen" und "rollte in eine Falte des Bodens" usw. Vielleicht geht das aber auch teilweise aufs Konto der Übersetzerin ( • Gelegentlich verfällt Péju in Klischees. Ein Beispiel: "Ein Fernseher ergoß eine dickflüssige Suppe farbigen Unsinns" (S. 155). Das zeigt eine weitere Schwäche: Péjus Vergleiche sind öfters daneben. Man lese: "Gerne schlitzte er auch die Kartons mit einem präzise angesetzten Schnitt auf und riss dann rasch die Eingeweide heraus. Noch zuckende Bücher, aus denen die Sätze schossen wie frisches Blut" (S. 110). Entweder ist das Leichenfledderei oder Operation in der Bauchhöhle eines Patienten. Beides ist dem Genuss beim Auspacken von Büchern völlig unangemessen. • Péju verwendet nichtssagende Phrasen, wie: "Die Hyäne des Schlimmsten tummelt sich ziellos in der Banalität" (S. 9). Sinn des Satzes ist unklar. Kurz darauf schreibt Péju von einem kräftigen Schluck reiner Gleichgültigkeit (S. 12). Das ist ein verkorkstes Bild. • Er sieht sich bei Eva in der "lächerlichen Rolle des provisorischen Vaters" (S. 167). Warum lächerlich? Lächerlich ist sein Vorgehen im Kaufhaus, wo er Thérèse sucht. Er will "unbedingt methodisch" (S. 176) vorgehen und irrt durch die Abteilungen, statt einmal an kompetenter Stelle nach Frau Blanchot zu fragen. |
| Warum Die
kleine Kartäuserin bei Wikipedia als |
| Literatur als Trösterin oder gar Krankenhelferin ist eine großartige Grundstruktur für einen Roman, wenn auch nicht neu. Wegen der genannten stilistischen und anderen Mängel kann man Die kleine Kartäuserin nur eingeschränkt empfehlen. |
| "Habent
sua fata libelli" (S. 60) – Auch Büchlein haben
ihr Schicksal Terentianus Maurus: De litteris 1286 |
| Übersetzung und Lektorat Als wären die Mängel des Autors nicht genug, zeigten auch Übersetzerin und Lektorat Schwächen. • Da will Eva (obwohl im Koma) etwas schreiben (S. 36). Es ist wohl Thérèse gemeint. • Mehrmals ist der Rückbezug falsch. Vollard wird ermächtigt, "der kleinen Eva Besuche abzustatten, deren Therapie so schwierig verlief" (S. 154). Wie werden Besuche therepiert? • "disproportionierte Hände" (S. 155) klingt arg technisch. • Wenn man schon auf von Chamisso verweist (S. 188), sollte man seinen Vornamen korrekt zusammenbringen: "Adelbert" (nicht Adalbert). |
| Vergleichsliteratur |
[Zwei Freundinnen, eine Leidenschaft]. Ebenfalls über die Leidenschaft mit Büchern |
| Stefan Zweig: Schachnovelle.
Passend zur Anektode über Leo
Tolstoi: Krieg
und Frieden, S. 60 – |
| Links |
| Pierre Péju: |
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Pierre Péju: Die kleine
Kartäuserin. Elsbeth Ranke, Übs. München: Piper,
2007. Gebunden, 192 Seiten |
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