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Flaubert
Gustave Flaubert: Drei Erzählungen:
Ein schlichtes Herz. Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien. Herodias

Berlin, Weimar: Aufbau, 1984. Broschiert, 109 Seiten [Trois contes; Heidi Kirmße, Übs.] – Gustave LinksGustave Literatur
Gustave Flaubert unterbach 1875 die Arbeit an seinem letzten Roman Bouvard et Pécuchet, um drei Erzählungen, darunter „Un cœur simple” („Ein schlichtes Herz”), zu schreiben. „Ein schlichtes Herz” erschien 1877.
Der Biograf Flauberts Jean La Varende bezeichnet die Drei Erzählungen als „die Krone seines Werks” (Varende 1958, S. 57)
„Ein schlichtes Herz”
Es ist die Lebensgeschichte des Dienstmädchens Félicité. Gleich im ersten Satz wird sie als treue Magd genannt, um die alle anderen ihre Herrin Madame Aubain beneideten. Das Leben der Analphabetin Félicité ist allerdings kaum beneidenswert, obwohl, wenn man es recht bedenkt, sie selbst es anders einschätzen würde.
Im Laufe ihres Lebens schenkt Félicité vielen ihre Zuneigung, sie wird immer wieder auf die eine oder andere Art enttäuscht. Der Vater verunglückt tödlich, die Mutter stirbt. Beim Übergang ins Erwachsendasein liebt sie einen Mann, der sich kurzfristig mit einer anderen vermählt. Dann liebt sie die Kinder ihrer Herrin Paul und Virginie, es wird ihr erschwert und sie verlassen das Haus. Virginie  stirbt früh an der Schwindsucht. Als nächstes opfert sie sich für ihren Neffen Victor auf, doch der geht zur See und stirbt weit weg von Félicité in Havanna am Gelbfieber. Aufgrund ihrer schweren Diensttätigkeit und ihrer Aufopferung altert sie schnell. Sie hinkt und wird taub. Sie pflegt den Greis Colmiche und kommt zufällig an einen Papagei, den sie Loulou nennt. Als der stirbt nimmt sie alle Umstände auf sich um ihn auszustopfen. Mit 72 Jahren verstirbt ihre Herrin, Madame Aubain und die Meute der Erben durchwühlt das Haus, in dem Félicité immer noch wohnt. Es steht zum Verkauf. Das geistig schlichte Gemüt wird zusehends schwächer und kränker. Sie verwechselt ihren Papagei mit dem heiligen Geist (der ja oft mit der Taube versinnbildlicht wird) und kniet beim Beten vor ihm nieder. „Während sie einen ängstlichen Blick auf ihn warf, flehte sie zum Heiligen Geist, und sie nahm die götzendienerische Gewohnheit an, beim Beten vor dem Papagei zu knien. Manchmal traf die durch die Dachluke einfallende Sonne sein gläsernes Auge, aus dem sie ein langer leuchtender Strahl traf, der sie in Verzückung versetzte” (S. 37) . Als Félicité immer schwächer wird soll die Fronleichnamsprozession an ihrem Hof Halt machen. Sie will Loulou auf den Altar stellen und redet mit anderen darüber. Der Geistliche erbarmt sich und gewährt ihre Bitte. Während die Prozession an ihrem Altar ist verstirbt  Félicité und glaubte im halbgeöffneten Himmel ihren Papagei zu sehen.
Flaubert wurde ein kalter Schreibstil vorgeworfen. Das kommt daher, dass er nüchtern beschrieb und es den Lesern überließ zu urteilen. Dieser Stil war im 19. Jhdt. ungewöhnlich und musste geradezu auf Kritik stossen.
Die Genauigkeit mit der Flaubert schreibt ist erstaunlich und erschließt sich oft erst nach eingehender Beschäftigung mit dem hochkonzentrierten Text.
  • Das beginnt sofort im ersten Abschnitt der in fünf Abschnitte unterteilten Erzählung. Auf die beiden ersten Absätze (jeweils ein Satz) komme ich noch, im vierten Absatz wird das Innere des Hauses geschildert mit dem verstörenden „darüber hing ein Barometer” (S. 5).
  • Madame Aubain nennt ihre Kinder Paul und Virginie, nach dem Bestsellerroman von Bernardin de Saint-Pierre: Paut et Virginie (1788; Gustave Links). Flaubert hat auch Emma Bovary diesen Roman lesen lassen.
  • Baron de Larsonniére kommt auf Amerika mit einem Neger und einem Papagei zurück (S. 28).
Die Dienstmagd Félicité opfert sich für die anderen auf. Ich denke, sie verzichtet nicht auf eigene Wünsche: sie hat schlicht keine.
Natürlich wird so ein schlichtes, aufopferungsfreudiges Gemüt ausgenutzt. Das beschreibt Flaubert schon im zweiten Satz der Erzählung umfassend. Ihre Opferbereitschaft schildert er dann eindringlich in der Verfolgung durch den Stier. Félicité rettet beherzt Madame Aubain und Paul und Virginie.
Mit dem Reden hat es  Félicité nicht so. Obwohl sie sich beim Feilschen auf dem Markt auszeichnet (S. 6). Nur selten läßt Flaubert sie selbst mit scharfer Stimme (S. 6) sprechen. So schreit sie als Theodor sie vergewaltigen will (S. 7). Beim Wiedertreffen mit ihm „wußte sie nicht, was sie antworten sollte” (S. 7) und ihre erste direkte Äußerung ist nur eine knappes „Ah!” (S. 8).
Siehe dazu: Ulrich Schulz-Buschhaus: "Die Sprachlosigkeit der Félicité", Gustave Links.
Das bestärkt den Eindruck, dass Félicité zwar manche natürlichen Begabungen hatte (Feilschen auf dem Markt), aber intellektuell nicht so gut drauf war. Zwei Absätze mögen dafür als Beleg genügen.
Félicité begriff von den religiösen Dogmen nichts, stärker: „versuchte nicht einmal zu begreifen”. So schlief sie beim Katechismusunterricht der Kinder, dem sie beiwohnte, ein. Sie lernte zwar beim Zuhören, ahmte die Übungen jedoch nur nach (S. 37).
Meine Lebenserfahrung zeigt, dass sich hinter schlichten Gemütern aufgeweckte Menschen verbergen können. Sie können ihren Platz im Leben oft besser ausfüllen als mancher „Gebildete”. Sie können auch wesentlicher erfüllter durchs Leben gehen. Die fehlende intellektuelle Klugheit wird durch eine Herzensklugkeit und Herzensgüte wett gemacht. Dies stellt der kühle Flaubert ausdrücklich fest: „Ihre Herzensgüte offenbarte sich” (S. 29). Und im folgenden Absatz führt es der Autor aus. Félicité bietet den vorbeiziehenden Soldaten zu trinken an und pflegte Cholerakranke.
Tod und Krankheit sind üppig vorhanden in der kurzen Erzählung.
Flauberts Papagei
Nicht nur Félicité hatte einen Papagei, auch Gustave Flaubert hatte einen ausgestopften Papagei, der Julian Barnes zu seinen Roman Flauberts Papagei [Flaubert's Parrot] inspirierte. Dieser Roman wurde 1984 für den Booker Prize nominiert.
„Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien”
„Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien” ist eine merkwürdige Melange aus Rittersage, Legende, biblische Geschichte, Tausendundeine Nacht und griechischem Drama. Dazu ein kräftiger Schuss Mystik.
Das gliedert Flaubert in drei Abschnitte
1 Julian wächste begütert auf und lernt alle ritterlichen Zeitvertreibe, insbesondere das Jagen und lustvolle Töten von Tieren. Seine Geburt wurde mit zwei Prophezeiungen begleitet. Seiner Mutter wurde geweissagt, der Bub werde ein Heiliger. Dem Vater wird zu dessen Sohn Blut, Ruhm und ein Kaisergeschlecht prophezeit (S. 44). Nachdem Julian auf einem seiner blutreichen Ausflügen eine Hirschfamilie massakrierte, verflucht ihn der sterbende Hirsch: er werde Vater und Mtutter ermorden (S. 52). Als dies beinahe eintrifft flieht Julian von zuhause.
2 Julian erweist sich auch beim Menschentöten als ein begabter Jüngling. Die "ungläubigen" Muselmanen massakriert er, wie einst die Tiere. Aus Dankbarkeit vermählt der Kaiser ihn mit seiner Tochter. Während eines nächtlichen Ausflugs geraten Julians Eltern, auf der Suche nach dem verschwundenen Sohn, in den Kaiserpalast, Julian kehr zurück und ermordet sie blindlings.
3 Wieder sucht Julian in der Weite Buße für seine Missetat und wird zum obdachlosen Bettler. Schließlich wird er zum Fährmann, ein bekanntes Motiv für Schuldbewusste (auch Oskar Maria Graf greift es in Bolwieser auf; Gustave Links). Als solcher wird er von einem Aussätzigen heimgesucht. Mit dessen Hilfe fährt Julian am Ende in den Himmel auf.
Antike, heidnische und christliche Motive erfüllen diese Erzählung, Narziss, Ödipus, heiliger Hubertus, heiliger Christophorus, tauchen schemenhaft auf.
Mit ist das etwas zu aufgeladen. Der Aussätzige kann der Teufel sein („seine Augen waren röter als glühende Kohlen”, S. 68), aber auch Jesus („Mich dürstet!”, darauf findet Julian erstaunt einen Krug mit Wein; S. 69).
Im letzten Satz offenbart Flaubert, dass er zu dieser Geschichte durch ein Kirchenfesten inspiriert wurde. Hier ist es: FlaubertCathédrale Notre-Dame de Rouen: Vitrail de Saint Julien L'Hospitalier.
Wie oben erwähnt, bezeichnet der Biograf Flauberts Jean La Varende die Drei Erzählungen als „die Krone seines Werks” (Varende 1958, S. 57). Am meisten schwärmt er dabei von „Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien”. Er hält den Aussätzigen ohne "wenn" und "aber" für Christus, der Julian ins Paradies entführt. Varende fährt fort:
„Die Stimmung des Ganzen, das feine Gefüge der Farben und Gestalten machen die Novelle zu einem einzigartigen Kunstwerk. Sie ist in ihrer Art des Vortrags so völlig geglückt, daß alle, die Künstler wie die Kinder, von jeher einstimmig von ihr begeistert waren; ...” (Varende 1958, S. 138).
Anscheinend bin ich weder Künstler noch Kind, denn mich ermüdeten die zahlreichen Szenen mit Tiergemetzel, wenn ich auch gleichwohl die Struktur und Sprache gut fand.
Links
FlaubertUlrich Schulz-Buschhaus: Das Aufsatzwerk – Flaubert
FlaubertUlrich Schulz-Buschhaus: Die Sprachlosigkeit der Félicité
Rezensionen
FlaubertEva Marz: Mit drei Erzählungen wollte Flaubert "eine schönere Vorstellung seines Charakters" geben: Diesmal bin ich herzensgut. Berliner Zeitung, 15.12.2001
FlaubertJean Rouaud: Große Mühe, schlichtes Herz. Rückwärts drehende Zeitmaschine: Gustave Flauberts "Drei Erzählungen", FAZ, 10.3.2001
FlaubertWerner Spies: Unsere Romanhelden: Félicité, FAZ, 20.5.2012
FlaubertBernardin de Saint-Pierre
FlaubertPaut et Virginie
FlaubertSzenische Lesung mit Hannelore Hoger, 2:16 Youtube
FlaubertDas Flaubert-Zentrum München
Flaubert Gustave Flaubert: Madame Bovary
Flaubert Oskar Maria Graf: Bolwieser. Roman eines Ehemannes
Verfilmung
Ein schlichtes Herz – Originaltitel: Un cœur simple – Regie: Marion Laine – Drehbuch: Marion Laine nach der Erzählung "Ein schlichtes Herz" von Gustave Flaubert. Darsteller: Sandrine Bonnaire, Marina Foïs, Pascal Elbé, Patrick Pineau, Thibault Vinçon, Noémie Lvovsky u.a. – 2008; 100 Minuten
FlaubertARDFlaubertArteFlaubertDieter Wunderlich

Vergleichsliteratur
Flaubert Tania Blixen: Babettes Fest
Franz Werfel: Der veruntreute HimmelFlaubert Franz Werfel

Literatur
Flaubert Jean La Varende: Gustave Flaubert in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1958.
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Flaubert FlaubertGustave Flaubert: Drei Geschichten: Ein schlichtes Herz. Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien. Herodias. Zürich: Diogenes, 2005. E. W. Fischer, Übs. Taschenbuch, 144 Seiten Flaubert
Gustave Flaubert: Romane und Erzählungen. Acht Bände im Schuber: 8 Bde. in Kassette. Frankfurt: Insel, 1996. Taschenbuch, 2752 Seiten Flaubert
Flaubert FlaubertGustave Flaubert: Un coeur simple.  Librairie Generale Francaise, 1998. Taschenbuch, 94 Seiten Flaubert
Gustave Flaubert: Ein schlichtes Herz (2 CDs). Argon, 2006. Nina Kunzendorf & Arthur Schurig, Sprecher Flaubert
Barnes FlaubertJulian Barnes: Flauberts Papagei. Michael Walter, Übs. Kiepenheuer & Witsch, 2012. Broschiert, 267 Seiten Barnes
Julian Barnes: Flaubert's Parrot. Vintage, 2009. Taschenbuch, 192 Seiten Flaubert
Flaubert Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.7.2012