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Simenon
Georges Simenon: Der grosse Bob
[Le grand Bob, 1954]. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1960. Hansjürgen Wille, Barbara Klein, Übs. Taschenbuch, 185 Seiten – Georges LinksGeorges Literatur
Georges Simenon schrieb seine Nicht-Mairget-Romane so, dass man meint, sie schon mal gelesen zu haben oder zumindest einigen Personen daraus schon begegnet zu sein. Doch verblüfft er mit feinen psychologischen Wendungen und einer unaufgeregten aber detailfreudigen Schilderung des Alltags einfacher Leute.
Bob Dandurand ertrinkt beim Fischen während eines gewohnheitsmäßigen Wochenendaufenthalts nahe Paris. Schon bald ist klar: Freitod. Es gibt keine Abschiedsbriefe und keine Andeutungen in letzten Gesprächen.
Sein Freund, der allgemeine Arzt Charles Coindreau, war zufällig an diesem Wochenende wo anders, nimmt aber die Fäden auf und versucht herauszufinden, warum der lebenslustige Bob dieses Ende wählte.
Robert war Sohn eines Juraprofessors und studierte selbst Jura. Am Abend vor dem Abschlussexamen trifft er Lulu, verbringt mit ihr Abend und Nacht und erscheint nicht zur Prüfung. Der Vater und alle Beteiligten sind entsetzt. Lulu und Bob heiraten und führen ein biederes Leben. Freilich scheint der trinkfreudige Bob viel auf Abwege zu anderen Frauen gewesen zu sein. Charles zieht diese Pfade bei seinen Nachforschungen auch körperlich nach.
Obwohl Bob so lebenslustig, trinkfreudig und banalen Scherzen zugeneigt erschien, hatte er eine klare Lebenseinstellung, eine Variante von Viktor Frankls Prinzip (Georges Links) zum Glücklichsein. Rechtsanwalt Pétrel, der Mann von Bobs Schwester, macht es Charles kund: „Wenn jeder einen einzigen Menschen glücklich machen würde, wäre die ganze Welt glücklich.” (S. 151) Von außen betrachtet sieht Bobs Leben freilich so aus, als habe er zuerst zu hoch gezielt, dann ist er nach unten gedriftet und schließlich im Mittelmaß gelandet (S. 156). Sein Berufswunsch als Kind war Heiliger in der Wüste, dann Jurist wie sein Vater, dann landete er bei der Hutmacherin Lulu und führte schließlich ein durchschnittliches Leben. Er machte es zu seiner Aufgabe einen einzigen Menschen glücklich zu machen. Ganz ging sein Kalkül freilich nicht auf: Lulu überwindet seinen Freitod zuerst nicht, weil sie denkt an ihm schuldig zu sein. Doch selbst als sich das als Irrtum erweist verkümmert sie ziemlich rasch und folgt ihm in den Tod. Ihr Grund dafür könnte gewesen sein: mit seinem Freitod hat er Lulu völlig unterschätzt. Sie verwand es wohl auch nicht, dass er sich nicht vertrauensvoll ihr gegenüber geoffenbart hat. (S. 177).
Der grosse Bob ist stark dialoglastig. Charles erzählt als Ich-Erzähler aus seiner Sicht. Trotzdem kommen viele Personen charakterlich voll ins Bild. Weder Autor noch Charles ergreifen Partei.
Das vermutliche Zitat von Stendhal (S. 135) fand ich nicht. Wieso es etwa dasselbe wie der gleich folgende Medizinerspruch aussagen soll, entgeht mir.
Georges Simenon legte in beide männlichen Protagonisten, Bob und Charles, einiges von sich hinein. Auch Simenon brach als 15-Jähriger vor dem Examen mit der Schule, freilich um statt des kranken Vaters die Familie zu ernähren. Zahlreiche Affären und Trinkfreudigkeit zierten auch Simenons Lebensbahn.
Den Grund für den Freitod findet Charles am Ende heraus, aber er ist nicht mehr so wichtig. Mit Bob, Charles, Lulu und der Gesellschaft herum entstand ein Bild der einfachen Pariser Leute um die Mitte des 20. Jhdts. Sehr lesenswert.
Links
SimenonFrank Böhmert: Georges Simenon: Der große Bob
SimenonKrimi-Couch: Georges Simenon: Der große Bob
SimenonQuai des Orfévres: Georges Simenon: Der große Bob
Simenon Georges Simenon – dort viele weiterführende Links
Simenon Viktor Frankls Prinzip
Literatur
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Simenon Simenon Georges Simenon: Der große Bob. Zürich: Diogenes, 2012. Taschenbuch, 201 Seiten. Linde Brik (Übersetzerin) Simenon
Georges Simenon: Der große Bob. Zürich: Diogenes, 2003. Taschenbuch, 205 Seiten. Simenon
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.11.2013