| Sebastian
Barry: The Secret Scripture [Ein verborgenes Leben, Hans-Christian Oeser, Übs.] London: Faber & Faber, 2009. Taschenbuch, 312 Seiten – |
| Nahe Roscommon, in der Grafschaft Roscommon in
Westirland ( Gleichzeitig führt auch Dr. Grene, der Psychiater in diesem Haus, Tagebuch. Reichlich spät (er kennt Roseanne seit mehr als dreißig Jahren) kommen ihm Zweifel an Roseannes Aufenthalt auf seiner Station. Er hatte sie jahrelang kaum beachtet. Anlässlich eines bevorstehenden Umzugs (das Haus ist hoffnunglos veraltet und soll abgerissen werden) begann er die Krankenakten der Frau McNulty zu studieren. |
| Gemäss
dem vorangestellten Motto aus Maria Edgeworth: Castle Rackrent ( Andrerseits erweist sich Roseanne als glaubwürdig. Sie wirkt nur vergesslich, weil sie ihre Erinnerung oft in Zweifel zieht. Sie ist skeptisch gegenüber denen ohne Zweifel.
»Oh,« I said. »No. It's just that I don't like the religious.«
Das macht Roseanne aber gerade deshalb recht verlässlich und glaubwürdig.»The religious? You mean, people that believe?« »No, no, priest, and nuns, and such.« »And is there any reason for that?« »They are so certain about things, and I am not.« – S. 193 Neben den bürgerkriegsähnlichen Fronten spielen die Aversionen zwischen den christlichen Religionen eine entscheidende Rolle. Dazu kommen der enorme Einfluss des Klerus und völlig überzogene moralischen Ansprüche. Eine Ahnung wird gleich auf der ersten Seite aufgebaut. Im schwarzen Fluss, der durch Sligo, dem Heimatort Roseannes, fließt, treiben auch arme Babys, die nur eine Störung der sauberen Oberfläche der christlichen Fassade waren. Roseanne war verheiratet, doch ihre Ehe wird nachträglich vom Vatikan (?) annulliert, Ihr Baby verliert sie kurz nach der geburt. Im Meer? Nur verschollen? Nicht immer traut Roseanne ihrer eigenen Erinnerung. Daher bleibt auch einiges in ihrer Biografie im Dunklen, ganz abgesehen davon, dass sie nur als ein Spielball zwischen den familiären (Standesdünkel), politischen und religiösen (Katholiken, Protestanten verschiedener Ausprägung) Fronten ist. |
| Abwechselnd kommen Dr. Grenes Tagebuchaufzeichnungen zu Wort. Er berichtet mehr über das Tagesgeschehen in der Anstalt und seine Nachforschungen zu Mrs McNulty, die zum Ende des Romans dichter werden und in einer Überraschung enden. |
| Geschichtsschreibung
von unten Ganz allmählich wird der Leser mit dem Irrsinn vor der Anstaltseinweisung in Sligo und Irland vertraut. Aus der geschichte irlands weiß man, dass es anschließend noch lange weiterging, wenn doch auch hauptsächlich in Nordirland. Kann man davon ausgehen, dass wir in einer besseren Situation sind? Vielleicht ja, doch mancher Irrsinn passiert auch um uns, den erst spätere generationen als solchen erkennen werden. Also: skeptisch bleiben oder werden, wenn von politischen, religiösen oder standesdünklerischen Zwängen geredet wird! Die erstaunliche Einsicht Roseanne McNultys zur Geschichtsschreibung: »For history as far as I can see is not the arrangement of what happens, in sequence and in truth, but a fabulous arrangement of surmises and guesses held up as a banner against the assault of withering truth«, S. 56 |
| Manches mutet wie aus einem Schauerroman des 19.
Jahrhunderts an. Doch erleben wir nicht gerade (Anfang 2010)
Skandale in Heimen und Schulen, Züchtigung und Missbrauch, alles was
man nur
in fernen vergangenen Zeiten vermutet hätte? Vor nicht allzu langer
Zeit war
diesbezüglich Irland in allen Medien, siehe beispielhaft "Die
unbarmherzigen Schwestern" [The Magdalene Sisters] ( Zur Armut in Irland war Frank McCourt eindringlicher. Sebastian Barrys Stil erinnert an Marilynne Robinson: Gilead und die Romankonstruktion an Margaret Atwood: Alias Grace, zu all diesen siehe Die gewählte Konstruktion (abwechselnde Rückblicke der zwei Erzählpersonen) hat einige dramaturgische Vorzüge, aber auch einige Nachteile: mir kam das Geschehen weniger präsent vor (man fühlt sich im Erzählzeitpunkt, nicht in der erzählten Zeit); dies wird durch die wenigen Dialoge unterstrichen. |
| Das
erstaunliche Leben der Roseanne McNulty schält sich mit jeder
Seite ihrer Aufzeichnungen weiter heraus. Dem Getümmel ihrer ersten
Lebensjahre folgen ruhige Heimjahrzehnte (die kaum thematisiert
werden). Am Ende der hundert Jahre steht ein Zwangsumzug bevor. Das
Haus um Roseanne herum ist schon fast leer. Ein auswühlender und berührender Roman. Manche Passage hätte ein Autor straffen müssen, doch es sind ja Roseanne McNultys Worte. |
| Auszeichnungen 2008 Short List Booker Preis 2008 Costa Book Award 2009 Roman des Jahres in Irland |
| Lektüren |
| Roseanne McNulty liest (S. 31) Thomas Browne: Religio Medici (The Religion of a Doctor) – The Hounds of Hell – Es gibt mehrere Legenden über die Höllenhunde; genaues Werk unklar, siehe Walt Whitman: Leaves of Grass – |
| Anmerkungen |
| »The star to every wandering bark«, S. 18 Aus: Shakespeare: Sonnet 116: "Let me not to the marriage of true minds". Die Sterne dienten zur Navigation. |
| »Those that feed them do not love them, those that clothe them do not fear for them«, S. 32 – Quelle unbekannt |
| »When milk comes frozen home in pail, And Dick the
shepherd blows his nail«, S. 133 – hier verwechselt Roseanne zwei
Zeilen. Bei Shakespeare: "Winter" lautet der Anfang »When icicles hang
by the wall
And Dick the shepherd blows his nail And Tom bears logs into the hall, And milk comes frozen home in pail« |
| »The best laid plans«, S. 164 – geht auf Robert Burns:
"To
A Mouse" zurück. Darin heißt es »The best laid
schemes o' Mice an' Men,
"Gang aft agley" – often go awryGang aft agley, An' lea'e us nought but grief an' pain, For promis'd joy!« "An' lea'e us nought" – And leaves us nothing |
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| Sebastian
Barry: The Secret Scripture. London: Faber
& Faber, 2009. Taschenbuch, 312 Seiten |
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| Sebastian
Barry: Ein verborgenes Leben. Göttingen: Steidl,
2009. Gebunden, 392 Seiten. Hans-Christian
Oeser, Übs.
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