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William Somerset Maugham

William Somerset Maugham: The Collected Short Stories. Vol. 1 – 4
New York: Penguin – maugham Linksmaugham Literatur
Verzeichnis erläuterter Kurzgeschichten
The Colonel’s Lady
Episode
The Kite
A Man with a Conscience
The Poet
Rain
The Verger
The Vessel of Wrath

Manche Leser mögen Maugham gerade wegen seiner Kurzgeschichten. Die eine oder andere hat man in guter Erinnerung; zurecht nimmt man an, daß in den Auswahlbänden seine Perlen herausgepickt wurden. Aber wie so oft, es geht nichts über die umfangreichere Sammlung, denn Maughams Short Stories sind alle lesenswert. Klar, "The Verger" ist ein absoluter Hit (maugham The Verger), doch viele andere sind ähnlich gut, ja, oft sind die ruhigeren nachhaltiger (man lese "The Dream" oder "The Bum"). Erst bei den gebündelten Short Stories fiel mir auf, daß Maugham nie eine Landschaftsbeschreibung einfließen läßt. Alles dreht sich um Personen in den unterschiedlichsten sozialen Stellung, ihren Verbindungen und ihren Gesprächen. Seine Distanz gewinnt er durch zwei Tricks:
  • er hat einen Ich-Erzähler, von dem er einleitend betont, es sei nicht der Autor. Er ist es aber doch, und
  • er beschreibt die Aktionen seiner Handlungsträger selten direkt. Es wird von einer Person erzählt, meist in Rückblende.
Neben der psychologischen Darstellung ist sein Stil umwerfend. Er kann alltägliche Dinge wie den Gang ins Theater zu einem spannenden lebenswichtigen Akt machen. Das erinnert an den begnadeten DJ (Jazzkenner, Übersetzer etc.) Walter Richard Langer. Bei ihm wurde selbst das simpleste Count-Basie-Allerweltsstück durch genaue, informative Ansage zum musikalischen Superakt. Ebensowenig durch Übertreibung oder aufregende Szenen sondern durch kühle, wortgewaltige Beschreibung zeichnet sich Maughams Schreibkunst aus. Stil-Beispiele:
Während ein anderer Autor brutal feststellen würde, Charlie hält sich bei der Auswahl seiner Freundinnen an eher niedrige Schichten, schreibt Maugham in "The Virtue":
"... it had not escaped my notice that Charlie was attracted as a rule by women whose breeding left something to be desired."
oder aus "The Treasure":
"The superintendent listened without batting an eyelash and telling him that she was quite sure she could suit him, sent him a string of candidates which proved that she had not paid the smallest attention to a word he said."
Sicher können auch andere aus wenig eine lange und trotzdem gut gelungene Story machen, doch bei Maugham hat die Geschichte immer auch Schwung. Dabei versucht er oft, den Leser aufs Glatteis zu führen. In "The Creative Impulse" richtet Mrs Albert Forrester auf hohem künstlerischen Niveau tea-parties aus; jeweils für Dienstag lud sie ein. "Her drawing-room was always open to foreigners, to Czecho-Slovaks, Italians, and Frenchmen, if they were distinguished, and to Americans even if they were obscure" (Volume 2, 125). Doch ihr Ehemann ist ein Langweiler. Mehr sei nicht verraten. Ob Mrs Albert Forrester's Tuesdays Vorbild für zahlreiche maugham "Fat Tuesdays" waren, weiß ich nicht.
"The Door of Opportunity" zeigt einige Verwandtschaft zu Joseph Conrads maugham Heart of Darkness.

The Poet
Zunächst denkt man beim Lesen auf ein Hohes Lied auf einen spanischen Poeten, das Maugham hier in lyrischer Sprache singt. Doch der schelmische Autor hat etwas vorbereitet nach dem Motto: „Don't judge a book by looking at its cover”.
"Der Dichter", deutsch von Mimi Zoff
Links
poetW.S. Maugham: The Poet – Text analysis
poetText online (pdf)
The Colonel’s Lady
Colonel George Peregrine lebt auf seinem Gut mit Eva, seiner Frau, die er für ihre Kinderlosigkeit verantwortlich hält. Nach fast vierundzwanziger Ehe ließ sie Vitalität vermissen („she hadn't any vitality, that's what was the matter with her“, S. 222). Er hat daher in der Stadt eine Liebesbekannschaft, Daphne, die er problemlos aufsuchen kann.
Außer für seine Geschäfte und Besuche in der Stadt hat George kaum Interesse. So gibt er auch nur höfliche Floskeln ab, als er entdeckt, dass Eva unter ihrem Mädchennamen einen Gedichtband veröffentlicht hat und er ihn durchgeblättert hatte.
Evas Gedichtzyklus über die tragische Liebesaffäre einer verheirateten Frau mit einem jüngeren Liebhaber schlägt in der literarischen Welt ein wie eine Bombe. George wird mit Fragen und Einladungen konfrontiert. Er liest die Gedichte genauer, befindet, da stecke Wahrheit dahinter und berät sich mit einem befreundeten Anwalt wegen einer Scheidung. Dieser überzeugt ihn, dass Ruhe bewahren die einzig richtige Reaktion ist.
George teilt die Frauen ein in gute Hausfrauen (wie Eva eine ist) und gute Ehefrauen (S. 222). Über die vermutete Untreue seiner Frau empört er sich und rennt zum Anwalt, seine Affäre mit Daphne findet er in Ordnung: „I don't deny that I've had a bit of fun now and then. A man wants it. Women are different.“ (S. 233)
"The Colonel's Lady" ist klar gegen die Dominanz des Mannes und seine vermeintliche Überlegenheit oder naturgemäße Bevorzugung gerichtet.  Die Story tadelt die Ausnutzung eines Menschen (hier: Eva) durch einen anderen (hier: George) und das lieblose Nebeneinanderherleben. Der ego-bezogene George lebt nur sein Leben und spircht Eva ihres nahezu ab. – Die Kraft der Poesie wird exemplarisch gezeigt.
Links
‘The Colonel’s Lady’ by William Somerset Maugham: maugham Blog 1maugham Blog 2
maughamBen Sharvy: The Colonel’s Lady, by Somerset Maugham
maughamStudent Reading Responses to Maugham's, "The Colonel's Lady"
Verfilmungen
maugham1948 Quartet (The Alien Corn, The Colonel's Lady, The Facts of Life, The Kite)
maugham1984 Overnight Sensation
maugham1988 TV Folge in: "Die unglaublichen Geschichten von Roald Dahl"

The Verger
"The Verger" erschien zuerst 1929 als "The Man who made his mark". Diese Kurzgeschichte geht auf eine jüdische Anektode aus dem ungarischen-polnischen Sprachraum, die in verschiedenen Varianten kursierte, zurück. Eine davon wurde schon 1903 veröffentlicht.
  • Tibor Benczés: "Wenn er hätte schreiben können ..." (1903) [A gettó hegedüse] Budapest 1941. S. 141-144.
  • Scheiber, Alexander: "Alte Geschichten in Neuem Gewande. (Dritte Mitteilung)". Fabula 10.1/3 (1969): 212-15.
Auch in neuem Gewand taucht der Grundgedanke von "The Verger" wieder auf. Der Auto Kosinski wurde 1933 in Lodz, Polen, geboren: maugham Jerzy Kosinski: Being There.
Links
MaughamFragen zu "The Verger"
Text "The Verger" Maugham online
The Verger By Maugham Essays and Term Papers
Episode
"Episode" erschien zuerst 1947 in Creatures of Circumstance als "The Episode". Die Geschichte beruht auf tatsächlichen Erfahrungen von Alan Searle (guter Bekannter von Maugham) als Gefängnisbesucher in Wormwood Scrubs, Du Cane Road, in London.
In der Story ist der Gefängnisbesucher Ned Preston, der sich um neu eingelieferte Insassen kümmert. Preston erzählt dem Erzähler der Geschichte (Maugham selbst) von Fred Manson, einem Postboten. Manson war den Frauen nicht abgeneigt und betrachtete sie nur als Episoden. Dann traf er auf die Studentin Grace Carter und verliebte sich in sie. Deren Eltern – der Vater hat sich zum Besitzer eines Geschäfts mit mehreren Angestellten hochgearbeitet – sehen diese Verbindung ungern (um es vorsichtig auszudrücken). Da will Fred glänzen und stiehlt Geld aus der Post. Er fliegt auf und wandert für 2 Jahre in den Knast. Grace will auf ihn warten. Das ist zuviel für die Eltern. Der Vater wirft sie hinaus. Grace bezieht eine kleine Wohnung und nimmt einen Job an. Im Laufe seiner Gefangenschaft verflüchtigt sich Freds Liebe. Das hat schlimme Konsequenzen.
"Episode" ist sowohl eine exzellente Charakterstudie als auch ein exemplarisches Beispiel der Klassenunterschiede und deren Auswirkungen.
Ned Preston taucht auch in der Kurzgeschichte "The Kite" auf.
"Episode" wurde 1969 fürs Fernsehen verfilmt; Regie: John Warrington.
The Kite
"The Kite" erschien zuerst 1947 in Creatures of Circumstance.
Der Gefängnisbesucher Ned Preston, bekannt aus Preston "Episode", tritt wieder als Erzähler auf. Er berichtet über den Gefangenen Herbert Sunbury, der seiner Frau Betty die gerichtlich geforderte Unterstützung verweigert. Er zieht es vor, dafür einzusitzen. Befragt gibt Herbert an, dass er so wütend auf seine Frau ist, weil sie seinen Drachen zerstört hat. Dann folgt Herberts Leben.
Er wuchs ziemlich bemuttert als einziger Sohn von Beatrice und Samuel Sunbury auf. Ab sieben Jahre pflegt er das Hobby des Drachenfliegenslassen. Seine Eltern sind da mit dabei.
Doch als er schon erwachsen ist überrascht er mit der Nachricht, dass er heiraten will. Seine Mutter ist strikt dagegen. Sie findet: “I don’t hold with a man marrying till he knows his own mind” ... “And a man does not know his own mind till he is thirty or thirty-five” (S. 138). Ein Besuch Bettys bestärkt sie noch: “Common, she is, common as dirt” (S. 143). Ohne Beisein der Eltern heiraten Betty und Herbert doch. Samuel wirft Herbert hinaus.
Die Eltern pflegen das Drachenfliegen weiter. Betty verbietet es ihrem frisch getrauten Mann. Herbert zieht es auch wieder hin. Da stellt ihn Betty vor die Wahl, Herbert entscheidet sich fürs Drachenfliegen und Betty wirft ihn hinaus.
Trotzdem Herbert jetzt wieder bei seinen Eltern wohnt eskaliert dier Streit zwischen ihm und Betty. Sie zerhackt heimlich seinen neuen, besonders wertvollen Drachen. Daraufhin zieht Herbert die bekannte Konsequenz: er verweigert die Zahlung und wandert deshalb ins Gefängnis.
Herbert hat eine infantile Abhängigkeit von seiner Mutter. Manche schreiben der Beziehung daher einen ödipale Charkater zu und Maugham bestärkt dies, indem er sich eingangs auf Sigmund Freud beruft. Der Drache ist dafür ein passendes Instrument. Er symbolisiert eine kontrollierte Freiheit. Er kann nie vom Lenker loskommen oder zumindest nicht, solange der Lenker keinen Fehler macht. Herbert fühlt sich mit dem Drachenhobby wohl. Es gibt ihm Gelegenheit sich im Freien zu betätigen und ein Gerät zu kontrollieren. Die Kontrolle, die er durch die Mutter erfährt, kann er dabei gefahrlos weitergeben. Als er es mit dem Menschen Betty versucht, scheitert er.
Instinktiv durchschaut Betty diesen kindlichen Akt der Abhängigkeit und wendet sich strikt gegen das Drachenhobby. Mit dem Drachen zerstört sie die Mutter.
Herbert hatte versucht von seiner Mutter loszukommen. Ned Preston meint: “Strangely enough, or perhaps not strangely at all, Betty Bevan looked very much as Mrs. Sunbury  must have looked at her age” (S. 142). Nur für kurze Zeit gelingt es ihm.
"The Kite" ist eine starke psychologische Studie mit guten Einblicke in eine konservative englische Mittelstandsfamilie.
"The Kite"
  • verfilmt 1948 im Quartett: "Facts of Life", "The Alien Corn", "The Kite", "The Colonel's Lady"; Quartet - 1948 - W. Somerset Maugham, Dirk Bogarde, Basil Radford, Ian Fleming.
  • wurde 1960 fürs Fernsehen verfilmt; Regie: Ian Fordyce, Richard Sidwell.
A Man with a Conscience
Der Erzähler (Maugham) reist nach Saint-Laurent-du-Maroni in Französisch-Guayana für Studien an den Gefängnisinsassen. Sie sind recht locker untergebracht. Eine Story eines Mörders seiner Ehefrau scheint Maugham besonders erzählenswert. Sie legt die Vermutung nahe, dass ein gut entwickeltes Gewissen nur der moralisch Hochstehende hat.
“It had sometimes struck me that perhaps conscience was the expression of a high moral development, so that its influence was strong only in those whose virtue was so shining that they were unlikely to cthemselves.”
Maugham bleibt wie immer, der ruhige neutrale Erzähler; trotz des bösartigen Gattinnenmordes, den der Täter vergeblich als Unfall darstellen wollte. Wegen seines guten Leumunds erhält er nur eine 6-jährige Gefängnisstrafe und überrascht den Erzähler und wohl auch die Leser mit einem Vorsatz.
Grossartige Kurzgeschichte mit Tiefgang
„Moralists have an axe to grind; they must draw a moral” (S. 205)
„to have an axe to grind” bedeutet: „Some selfish motive in the background; some personal interest to answer”.
"A Man with a Conscience"
  • erschien1940 in der Sammlung The Mixture as Before.
  • wurde 1969 fürs Fernsehen verfilmt; Regie: Henri Safran.
  • deutsch von Claudia und Wolfgang Mertz: "Ein Mann mit Gewissen"
Links
poetText Online
Saint-Laurent-du-Maroni: poetdeutschpoetenglisch

Links
"Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden" MaughamKulturradio am Morgen 13.06.2006
Menikoff Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte
Menikoff Kurzgeschichtenanthologien und Besprechungen dazu 
Literatur
Borgmeier, Raimund (2009): "William Somerset Maugham – »Die Kurzgeschichten«". Heinz Ludwig Arnold, Hg.: Kindlers Literatur Lexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler.
Bassett, Troy James (1998): "W. Somerset Maugham: An Annotated Bibliography of Criticism, 1969-1997". English Literature in Transition, 1880-1920 41:2, S. 133-184.
Mein Rat: alle 91 Stories in diesen vier Sammelbänden portionsweise lesen!
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maugham Maugham Gesammelte Erzählungen 1+2. Ost und West / Der Rest der Welt. Zürich: Diogenes, 2005. Gebunden, 1082 Seiten  
Maugham Maugham Collected Short Stories Vol. 1. Penguin 1977. Taschenbuch Maugham
Collected Short Stories Vol. 2. Penguin 1992. Taschenbuch Maugham
Von Collected Short Stories Vol. 2. (mit "The Verger") habe ich ein Duplikat abzugeben.
Maugham MaughamCollected Short Stories Vol. 3. Penguin 1993. Taschenbuch Maugham
Collected Short Stories Vol 4. Penguin 1993. Taschenbuch Maugham
Maugham Anfang
 

Maugham
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.6.2012