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Maugham
W. Somerset Maugham: Rain – The Vessel of Wrath
Zwei verwandte Kurzgeschichten – W. Somerset LinksW. Somerset Literatur
Warnung: In der Besprechung wird einiges über das Ende dieser Kurzgeschichte preisgegeben. Wer »Rain« ohne diese Vorkenntnis lesen will, tue es.
»Rain« – auch unter »Miss Thompson« bekannt
Zuerst kommen die Missionare, dann die Händler und Siedler, dann die Soldaten. Die Kolonien heißen heute Entwicklungsländer und gehören meist der Dritten Welt an.
In „Rain“ überzeichnet Maugham die erste Etappe des Kolonistenprinzips. Bis die Missionare kamen lebten die Bewohner von Pago Pago in der Südsee heiter und unbehelligt.
Aus natürlichem Verhalten wurde Sünde, dafür sorgte das Missionarsehepaar Davidson. Der fanatische Missionar Davidson (ein Sohn des fanatischen biblischen Verbrechers David) erklärt es dem Ärzteehepaar Macphail: "When we went there they had no sense of sin at all," he said. "They broke the commandments one after the other and never knew they were doing wrong. And I think that was the most difficult part of my work, to instil into the natives the sense of sin." (S. 17-18) Später ergänzt Davidson: "You see, they were so naturally depraved that they couldn`t be brought to see their wickedness. We had to make sins out of what they thought were natural actions. We had to make it a sin, not only to commit adultery and to lie and thieve, but to expose their bodies, and to dance and not to come to church. I made it a sin for a girl to show her bosom and a sin for a man not to wear trousers." (S. 19)
Die Bigotterie in Davidson drückt sich hier aus: „Mr. Davidson said in one of his reports: the inhabitants of these islands will never be thoroughly Christianised till every boy of more than ten years is made to wear a pair of trousers.“ (S. 13). Das Christsein wird daran festgemacht, dass Zehnjährige Hosen tragen.
Ohne die Missionare hätte die Ex-Prostituierte Miss Thompson gut auf Pago Pago gepasst. Sie kam einige Jahre zu spät. Doch  Missionar Davidson erweist sich nicht nur als sittenstreng, sondern – man ahnt es von Anfang an – als bigott und doppelsichtig. Alleine mit Miss Thompson versucht sie herumzukriegen (nicht ins christliche Fahrwasser, sondern jetzt auf die Couch). Die andere Variante, dass Sadie ihn versuchte ist nicht so stimmig, da Sadie zuvor schon auf Davidsons Linie einschwenkte.
Rain = Sintflut
Die beiden Protagonisten Sadie Thompson und Mr. Davidson führen hier den ewigen Kampf Böse gegen Gut auf einer abgeschiedenen Südseeinsel aus. Der unablässige Regen nimmt den Charakter der Sintflut an. Am Ende bleibt die „böse“ Sadie übrig und nimmt ihr laszives Leben wieder auf. Ob nach der Sintflut auf Pago Pago das Gute oder das Böse gesiegt hat, kann der Leser entscheiden.
Antikolonialismus
Maugham nimmt in der Story (im Jahre 1920!) eindeutig Stellung gegen den Kolonolialismus, insofern er alte Kulturen zerstört und den Bewohnern westliches Gehabe aufdrängt, ja bei Strafe gewaltsam einführt. Der unerschütterliche Glaube in die eigene Heilsverkündigung verstärkt die Neigung, die eigenen Moralvorstellungen für überlegen zu halten. Dabei hat der Missionar durch seinen mutigen Einsatz für die Bewohner adurchaus auch gute Seiten.
Historischer Hintergrund
Wie Anthony Daniels herausfand, waren das Missionsgebiet der Davidsons die Gilbert Islands in der Südsee. Das wird durch Maughams A Writers Notebook bestätigt. Daniels fand noch weitere Übereinstimmungen  der Kurzgeschichte, die in 1916 spielt, mit der Wirklichkeit vor Ort heraus (Daniels 2000). Den Vorwurf an Maugham stereotype Charaktere konstruiert zu haben, kann der Autor an die Wirklichkeit weitergeben.
Kritik
Maughams Charaktere sind gelegentlich schablonenhaft. Das ist oft der Form der Kurzgeschichte geschuldet. Da ist kaum Raum für ein differenziertes Charakerbild.
Dem Ende von „Rain“ wurde vorgeworfen, es sei unmotiviert.
„[Mr. Davidson commits] suicide yet we never know precisely why. Of course the partisan of
Maugham may inform us that Davidson in "Rain" was dragged from his high and narrow moral perch by the brute force of sexual desire, and that in his spiritual despair he could do nothing but kill himself. Such an explanation depends more on a cliche of thought in the reader than on what the story actually implies.“ (Moskovit, S. 66)
Offenes Ende – verschiedene Auffassungen
Dass eine Geschichte offen ausgeht wird von vielen Lesern als Vorzug aufgenommen. Die Selbstmordhypothese bietet sich zwar an, bleibt aber offen. Für den Tod von Mr. Davidson gibt es mindestens drei Möglichkeiten, die mehr oder weniger durch den Text belegt sind.
  1. Vieles spricht für einen Freitod. Mr. Davidson wurde übermannt (wörtlich), erhielt eine Abfuhr und wollte mit dieser Schande nicht weiterleben. Neben seiner Gebotshörigkeit wurde besonders auch seine mutige Entschlusskraft herausgestrichen. In der rechten Hand hielt Davidson noch die Rasierklinge (S. 43).
  2. Allerdings spricht die Todesart – Aufschlitzen der Kehle von Ohr zu Ohr (S. 43) – eher für eine anderen Täter. Zu denken ist dabei an einen Pago Pago Bewohner, der die eigene Kultur vor Davidsons Vernichtung retten will, oder dem der Missionar mit seiner aufdringlichen Bekehrung zuwider war. Gestützt wird diese These durch:  „You felt they [the natives] might at any moment come behind you swiftly and thrust a long knife between your shoulder-blades“ (S. 30). Andrerseits ist dies eine typische (von hinten!) Projektion der weißen Eindringlinge.
  3. Mord durch Miss Thompson. Nach dieser These wäre die radikale Bekehrung von Sadie Thompson nur vorgespielt (dem Leser bleibt sie eh unglaubwürdig) um einen geeigneten Moment abzuwarten um den denjenigen abzumurksen, der Sadie zurück ins Gefängnis bringen will. Dafür spricht Sadies zweiter radikaler Wandel (S. 44) und ihre überzogene Schlussbemerkung. Gegen diese dritte These spricht allerdings die Todesart, Sadies lockerer Charakter und dass Mrs. Davidson ihren Mann hörte, wie er um 2 Uhr das Zimmer Miss Thompsons verließ (S. 43).
Ich bleibe doch bei der naheliegenden These 1, finde es aber insgsamt gut, dass Maugham dem Leser andere Optionen offen hält.

Der Kritiker meint weiters: „Davidson is of such steely character and of such skill at moral and religious casuistry that I simply cannot see how anything could have led him to suicide.“ (Moskovit, S. 66) Das scheint mir nun das Klischee eines Gläubigen zu sein, der einem Missionar weder die sexuelle Attacke noch den Freitod zutraut. Diese letzte Doppelvermutung wird unterstrichen, da Leonard Moskovit auch bemängelt, dass  Maughams Heldinnen oft die Ehe brechen. Er führt an „The Letter“, „Footsteps in the Jungle“, „The Back of Beyond“ (Moskovit, S. 67). Die Reihe könnte man mit Kurzgeschichten und Romanen Maughams fortsetzen. Auch dieser Vorwurf scheint mir unberechtigt. Der Ehebruch ist erzählenswert, jahrelange Treue ist es kaum und jedenfalls viel schwieriger fiktiv umzusetzen. Moskovit hatte zum Zeitpunkt seiner Kritik wohl noch keinen John Updike (oder viele andere) gelesen.
Maugham überläßt die Erklärung dem Leser. Das zum zweiten Mal radikal geänderte Verhalten von Miss Thompson gibt genügend Anhaltspunkte. Eine ganz lapidare Auflösung ist: „in "Rain" a missionary persecutes a prostitute until suddenly a taste for forbidden fruit which no one suspected him of entertaining gets the better of him“ (Ross, S. 119). Netter Clou am Rande ist das „gets the better of him“ im vorigen Zitat.
Verfilmung
»Rain« wurde mehrfach verfilmt. Und es gibt ein Theaterstück gleichen Namens.
• 1928 mit Gloria Swanson als "Sadie Thompson"
• 1932 mit Joan Crawford
• 1946 mit Francine Everett als "Dirty Gertie from Harlem U.S.A."
• 1953 mit Rita Hayworth als "Miss Sadie Thompson"
Als Teil einer TV-Serie 1969–1970 mit Carroll Baker, erstmals ausgestrahlt am 7. Mai 1970
»The Vessel of Wrath«
– wird ergänzt –
Links
»Rain« – Text online: Maugham1Maugham2Maugham3
MaughamVerfilmung 1926 mit Gloria Swanson
Verfilmung 1932 mit Joan Crawford: MaughamWikipedia MaughamYoutube
MaughamVerfilmung 1946 mit Francine Everett als Dirty Gertie from Harlem U.S.A.
Verfilmung 1953 mit Rita Hayworth als MaughamMiss Sadie Thompson – deutsch: MaughamFegefeuer
Maugham The Collected Short Stories. Vol. 1 – 4
Maugham William Somerset Maugham
Maugham William Somerset Maugham: – Bedeutung und weiterführende Links
Menikoff Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte
Menikoff Kurzgeschichtenanthologien und Besprechungen dazu 
Literatur
Daniels, Anthony (2000): "W. Somerset Maugham: The pleasures of a master". The New Criterion 18:6.
Moskovit, Leonard (1968): "Review: The Complete Short Stories of W. Somerset Maugham by W. Somerset Maugham". College Composition and Communication 19:1, S. 66-68.
Ross, Woodburn O. (1946): "W. Somerset Maugham: Theme and Variations". College English 8:3, S. 113-122.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.6.2011