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Nooteboom
Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte
[Het volgende verhaal]. Frankfurt: Suhrkamp, 1992. 149 Seiten. Helga van Beuningen, Übs. – nooteboom Linksnooteboom Literatur
Der mysteriöse Einstieg verlangt nach Auflösung, diese vermißte ich lange. Andere finden gerade das als gelungen. Jedenfalls wird der Leser mehrfach auf andere (ich vermeide: falsche; wer könnte das sagen?) Spuren gesetzt.
Der Ich-Erzähler und Lehrer für Altphilologie Herman Mussert wacht in Lissabon auf. Das Hotelzimmer kennt er von einem Besuch mit Maria Zeinstra vor vielen Jahren. Das Ungewöhnliche: er erinnert sich, dass er am Abend zuvor wie gewohnt in Amsterdam zu Bett gegangen ist. Spätestens als er Ovids Metamorphosen zitiert, denkt man auch an Kafka: Die Verwandlung (nooteboom Franz Kafka). Während Herman darüber nachdenkt, wie es dazu kommen kann, schweifen seine Gedanken zurück. Vor 20 Jahren kam es an seiner Schule zu einer merkwürdigen Konstellation zwischen dem Lehrer für Niederländisch Arend Herfst , auch Betreuer der Schulbasketballs, dessen Frau Maria Zeinstra und der schülerin Lisa d'India. Ohne alle Karten aufzudecken führt Cees Nooteboom durch Herman in den Teil II der Erzählung.
Auf einer Schiffsfahrt Belém (bei Lissabon) nach Belém (Brasilien) trifft Herman auf merkwürdige Mitpassagiere. Sie fahren den Amazonas aufwärts und erst als von Norden die schwarzen Wasser des Rio Negros hinzuströmen, wird dem Leser klar, dass man sich auf dem Styx, dem Fluß, der vom Okeanos abzweigt, befindet. Er windet sich im Hades, dem Reich der Toten.
Die Geschichte endet kreisförmig mit "dann erzählte ich dir DIE FOLGENDE GESCHICHTE".
Motive
Durch Hermans Vorliebe für Platon, Horaz und Ovid spielt die Mythologie eine entscheidende Rolle. Sie wird in essayistischen Betrachtungen und philosophischen Überlegungen eingesetzt. Tod, Reisen, das Schreiben selbst spielen dabei eine wichtige Rolle. Mich faszinierten die Frage nach dem "Ich", die unüberwindliche Hürde zwischen den Personen. Ist es Herman (Amsterdam), der als Herman (Lissabon) aufwacht? Dazu kommen die zahlreichen Verwandlungen. Hermans Spitzname als Lehrer ist Sokrates (den hat er mit Elias Canetti gemeinsam; nooteboom Rezension: Die gerettete Zunge). Er spielt ihn in seiner Klasse selbst. Er streckt öfter die Zunge heraus (S. 33), was mich an Albert Einstein erinnerte. Mit den Verwandlungen einher reflektiert Herman über die Vergänglichkeit und sinniert über das Phänomen Zeit. Dazu hat auch der Leser reichlich Gelegenheit, wenn er die Erinnerungsstücke zusammensetzt.
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Zusammenfassung
Während ich las warf mir Herman Mussert ständig neue Scheiben seiner Vergangenheit zu oder provozierte durch ironische Bemerkungen, durch seine weltfremde Weltsicht. Er hängt der Antike an, während Maria als Biologielehrerin die rationale Wissenschaft vertritt. So hörte ich nicht zum Lesen auf, war aber am Ende unzufrieden. Das reizt wohl zur Wiederlektüre und der Kreis schließt sich.
Man sollte sich ein Lexikon der antiken Mythen bereitlegen(beispielsweise: nooteboom Lexikon der antiken Mythen und Gestalten), kann hier die folgenden Anmerkungen lesen oder gleich die Interpretationshilfe von Bertold Heizmann (nooteboom Literaturnooteboom Rezension). Sie enthält noch viele Details zu den Personen und ihre Verbindungen.
Anmerkungen
Dem Kurzroman sind Übersetzungen lateinischer Stellen und Anmerkungen angefügt. Ich ergänze sie:
Strabo Strabo (etwa 64/63 Amaseia in Pontos, heute Amasya – 23 n.Chr.), griechischer Geograph, Historiker und Reisender
S. 13 First Servant (To Gloucester): O, I am slain. My lord, you have one eye left
To see some mischief on thim. O! [He dies]
Cornwall: Lest it see more, prevent it. Out, vile jelly!
Where is thy lustre now? [Tears out Gloster's other eye and throws it on the ground.]
Shakespeare: King Lear, III,7
Diener: Ich bin erschlagen, oh! Mein Lord, Ihr habt noch ein Auge, um ihn zu bestrafen.
Cornwall: Das es noch sieht, vereitle ich. Heraus, schnöder Gallert! Wo nun ist dein Glanz? [Reißt das verbliebene Auge Glosters heraus und wirft es zu Boden]
S. 19 iam cinis est, et de tam magno restat Achille nescio quid parvum, quod non bene conpleat urnam, at vivit totum quae gloria conpleat orbem.
Ovid: Metamorphosen, Liber XII, 615-617
Asch' ist er nun; und es bleibt von dem einst so großen Achilleus Kaum noch übrig genug, zu füllen die winzige Urne. Aber es lebt sein Ruhm, der füllet die sämtlichen Lande.
Übersetzung nach R.Suchier bearbeitet von E.Gottwein, siehe nooteboom Links
S. 26 Vanitasbild: die Darstellung der irdischer Vergänglichkeit, oft mit dem Totenkopf, einer erloschenen Kerze oder welken Blumen. Dieser Bildtyp wurde ab dem 17.Jahrhundert besonders in den Niederlanden gepflegt.
S. 71 Claudio Monteverdi: Il ritorno di Ulisse in patria; Oper aus dem Jahre1640; Nooteboom schreibt: Ullisse
S. 88 Damnosa quid non imminuit dies? Fluch der Zeit, was wird nicht von ihr verringert?
Horaz: Carmina, Liber III, 6, 45
S. 115 Das Theater »Le Grand-Guignol« in Paris führte bevorzugt Horrorstücke auf. Diese werden daher als Grand Guignol bezeichnet.
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Links
Rezensionen: nooteboomcarpe librumnooteboomDieter Wunderlich
nooteboomCees Nooteboom, wikipedia
nooteboomRüdiger Safranski: Die Welt des Cees Nooteboom
nooteboomOvid: Metamorphosen, Liber XII
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Literatur
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nooteboom nooteboomCees Nooteboom: Die folgende Geschichte. Frankfurt: Suhrkamp, 1996. Helga van Beuningen, Übs. Broschiert Nooteboom
Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte. Frankfurt: Suhrkamp, 2004. Helga van Beuningen, Übs. Broschiert nooteboom
heizmann nooteboomBertold Heizmann: Interpretationshilfe Deutsch. Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom. Freising: Stark, 2002. 88 Seiten; nooteboom Rezension Hazel
Michael Grant, John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. München: Dtv, 2004. Broschiert, 453 Seiten.nooteboom
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