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 Attentat
Harry Mulisch: Das Attentat
[De Aanslag, 1982]. München: Süddeutsche Zeitung, 2004. Annelen Habers, Übs. Gebunden, 189 Seiten
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Wie ein Gemälde eines niederländischen Malers beschreibt der Prolog vier nebeneinander stehende Häuser am Stadtrand von Haarlem. Am Ende wird die statische Beschreibung durch Wellen beweglich. Ein Schiff fährt an den Häusern vorbei und hinterläßt ein kompliziertes Wellengeflecht, das noch lange nachdem das Schiff schon weg ist, zu verfolgen ist. Das Hauptthema des Romans wird symbolisiert. Manche Ereignisse wirken lebenslang nach. Ihrer Erschütterungen sind zu kompliziert um sie in allen Einzelheiten verfolgen zu können.
Idyllisch verbringt die holländische Familie Steenwijk in einem der vier Häuser ihren Abend in den letzten Kriegstagen in Haarlem. Sie spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Inzwischen fallen draußen die Schicksalswürfel. Der Kollaborateur Fake Ploeg, Polizeioberinspektor, wird vorm Haus "Niegedacht" niedergeschossen. Der Hausbesitzer Korteweg scheut die Rache der Nazis und schleppt den Toten vor das Haus der Steenwijk "Freiruh". Sohn Peter Steenwijk läuft hinaus, die Nazis kommen, verfolgen Peter, nehmen Haus "Freiruh" unter Feuer. Nur der zwölfjährige Anton kommt mit dem Leben davon: seine Eltern werden ermordet, das Haus abgebrannt, Peter ermordet (wie sich später herausstellt).
Mit Attentat verbindet man den Mord an einer prominenten Person. Insofern ist der Originaltitel De Aanslag und der Filmtitel von 1986 "Der Anschlag" genauer (mulisch Verfilmung).
Anton Steenwijk verdrängt die Geschehnisse weitgehend. Passend dazu wird er Anästhesist. Doch die Ereignisse brodeln in ihm und beeinflussen das Leben aller Beteiligten. Anton wird in verschiedenen Begegnungen immer wieder damit konfrontiert; das damalige Geschehen wird für Anton und die Leser happenweise geklärt. Anton wird meist ohne seinen Willen damit konfrontiert.
Besonders stellt sich die Schuldfrage und wird von vielen Seiten her beleuchtet. Die Gesellschaft verdrängte die damaligen Verstrickungen ebenfalls und anscheinend erfolgreicher. Der Autor baut das Gesamtbild nicht kontinuierlich sondern gleichsam indem er mehrmals den Rahmen dreht. Anton erfährt, dass er in der Nacht des Anschlags mit einer direkt Beteiligten in der Zelle saß. War sie ursächlich für das Gemetzel verantwortlich oder doch die Familie Korteweg? Cor Takes bekennt, dass die Attentäter wußten, dass wahrscheinlich ein Haus draufgehen würde (S. 128). Anton trifft später Karin, die Tochter der Kortewegs und erfährt von ihr, warum die Leiche nicht vor das andere Haus gelegt wurde. Bei den einzelnen späteren Begegnungen – man denke an den Sohn des ermordeten Kollaborateurs gleichen Namens Fake Ploeg, ein Klassenkamerad Antons  – zeigt sich, dass niemand schuld war. Doch das kann nicht stimmen. Also, Leser, selbst überlegen!
Mulisch arbeitet mit Symbolen (davon gleich mehr) und Kontrasten bzw. Gegenüberstellungen. dazu findet man Feinheiten zuhauf. Gleich im zweiten Satz des 1. Teils wird die Idylle der Familie beim Ofen gebrochen: "Für einige Stunden hatten im Kanonenofen leise ein paar Holzscheite gebrannt, doch jetzt war er kalt" (S. 15). Im auslaufenden Krieg spielt die Familie Mensch-ärgere-dich-nicht. Das Kind Peter urteilt: "Wer den Menschen zuschaut, lacht laut" (S. 21), dabei müßten die Holländer über die Menschen (dazu zählen auch die Nazis!) weinen. Der Vater erkennt die Wahrhaftigkeit der kindlichen Feststellung nicht und verweist stattdessen auf:
"Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant." Horaz, Epistulae 2,1,116
Kinder sind Kinder, sie treiben Kindereien.
Auch später dringt Gewalt in die Alltagswelt und sei es nur, dass Kinder eine Qualle in Stücke hacken (S. 142).
Vielleicht bleibt nur die pessimistische Einschätzung:
"Das Leben auf dieser Welt war ein Misserfolg, ein großer Reinfall, und es wäre besser gewesen, es wäre nie entstanden. Erst wenn es kein Leben mehr gab, und damit auch keine Erinnerung mehr an die Todesschreie, wäre die Welt wieder in Ordnung." (S. 164)
Mulischs Absicht scheint dreierlei zu sein:
  • einfache Schuldzuweisungen sind in einem Interessengemenge wie im Krieg und Besatzungsfall oft nicht gerechtfertigt. Konkret: Ist ein Anschlag unter bewusster Inkaufnahme von Vergeltungsmassakern gerechtfertigt?
  • einzelne Ereignisse lösen oft komplizierte, schwer zu durchschauende und lang andauernde Wirkungen aus; eigentlich eine triviale Erkenntnis, doch Mulisch führt sie eindringlich vor.
  • nur durch Erinnern können die Traumata überwunden oder zumindest verarbeitet werden. Die Taktik des Verschweigens geht nicht auf. Das gab auch Harry Mulisch selbst in seinem Interview mit Radio Bremen, 16.2.1989, als seine Hauptabsicht an (siehe mulisch Links).
Wer mich kennt, weiß dass mir besonders behagt, wenn ein Autor viel zum Denken gibt, aber den Leser nicht allein lässt, sondern Fährten (Symbole, Metaphern, ...) legt, die Zusammenhänge und Absichten offenbaren. Genau das macht Mulisch reichlich und gekonnt.
Wellen
Sich kreuzende Wellen treten bereits im Prolog auf, sie werden wiederholt, beispielsweise bei der Demonstration gegen die massive Aufrüstung. Der Demonstrationszug wird in den Seitenstrassen immer wieder von anderen Demonstrationszügen gekreuzt, "manchmal sogar an zwei Stellen gleichzeitig" (S. 191). Wie bei den Wellen scheint alles uhrwerksmäßig zu klappen. Die Wellen und Demonstrationszüge symbolisieren, dass es verschiedene, sich vielleicht kreuzende und widersprechende Gründe und Formen für den Widerstand gibt. Diese Symbolik verstärkt also die beiden ersten oben angeführten Absichten des Autors.
Steenwijk
"Steen" ist holländisch für "Stein", "wijken" ist "weich machen". Wird Anton weich gemacht, in dem ihn seine Erinnerungen einholen?
Cor Takes hat als reales Vorbild den Widerstandskämpfer Jan Bonekamp (1914–1944), seine Freundin Truus Coster erinnert an Hannie Schaft (1920–1945); siehe mulisch Links.
Mulisch setzt immer wieder Poptitel beiläufig ein. Aber sie sind ein Wink mit dem Zaunpfahl:
"Thanks for the Memory", S. 71 – Bob Hope (1938) : memoryWikipedia
"Strangers in the Night", S. 118 – Frank Sinatra (1966): sinatraWikipedia
"A Hard Day's Night", S. 124 – The Beatles (1964): beatlesWikipedia
"Red Roses for a Blue Lady", S. 165 – Vaughn Monroe (1948): monroeWikipedia
Weitere Symbole sind die Gewürznelken als Nothilfsmittel gegen den Schmerz.
Ein schmerzender Zahn der einen Wochenendeinsatz beim Zahnarzt auslöst aber durch einfache Druckentlastung behoben wird. Ein Hinweis dafür, dass Erinnerung Schmerz und Trauer mildern kann!?
Die Würfel, die Anton vom abendlichen Mensch-ärgere-dich nicht (welch ein Hohn an diesem Abend!) noch in Antons Hose sind, stehen als Symbol für den Zufall, der das gesamte Geschehen auslöst und steuert.
Das Attentat wird zurecht gelobt. Es ist ein hervorragender Roman, der zu vielerlei eigenen Gedanken anregen kann. Wann endlich erhält Mulisch den Literaturnobelpreis?
Mulisch Anfang
Verfilmung
"Der Anschlag" mit Derek de Lint, Marc van Uchelen, Monique van de Ven, John Kraaykamp, Huub van der Lubbe u. a. 1986, Regie: Fons Rademakers. Oskar 1987 als bester ausländischer Film. Verwunderlich: dieser Film kam bislang nicht in die deutschen Kinos; Erstaufführung im ZDF: 2.5.1996 – anschlagMoviemaster
Links
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mulischJan Bonekamp
mulischHannie Schaft – mulischWikipedia
Literatur
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mulischmulisch Harry Mulisch: Das Attentat. Reinbek: Rowohlt, 2000. Annelen Habers, Übs. Broschiert, 189 Seiten Mulisch
Harry Mulisch: Das Attentat.  München: Süddeutsche Zeitung, 2004. SZ-Bibliothek Band 19. Annelen Habers, Übs. Gebunden, 189 Seiten mulisch
wilczekmulischReinhard Wilczek: Harry Mulisch: Das Attentat. Klasse! Lektüre 7. Modelle für den Literaturunterricht 5-10. Oldenbourg 2002. Taschenbuch, 96 Seiten
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